Nora Raleigh Baskin: „Jason und Phoenixbird“

Bücher rund ums Thema "besondere Kinder" sowie Vorstellung von Informationsbroschüren

Moderatoren: Sabine, Moderatorengruppe

Benutzeravatar
Sabine
Moderator
Moderator
Beiträge: 20390
Registriert: 20.03.2004, 17:14
Wohnort: Menden-Lendringsen
Kontaktdaten:

Nora Raleigh Baskin: „Jason und Phoenixbird“

Beitragvon Sabine » 02.09.2013, 13:40

Hallo,

hier kommt eine Buchvorstellung von Userin alexE:

Nora Raleigh Baskin: „Jason und Phoenixbird“

Wie gehen Behinderte mit der Liebe um? Wie nähern sie sich einander? Welche Hindernisse müssen sie überwinden? Wie wird ihre Liebe von der Gesellschaft akzeptiert?
Die Antwort richtet sich jeweils nach der Art und dem Grad der Behinderung. Bei den gesichteten Büchern sind mir zwei Romane über die Liebe untergekommen, die unterschiedlicher nicht sein können. „Jason und Phoenixbird“ von Nora Raleigh Baskin ist eines der besten Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe, und zwar nicht, weil es um einen behinderten Jungen geht. Die Art und Weise, wie der autistische Jason seine Geschichte erzählt, ist so intensiv und aufwühlend, das man nach der Lektüre erst einmal wieder zu Atem kommen muss. Möglicherweise liegt das an der Erzählperspektive. Ein Autist lebt in seiner eigenen Welt, und diese Welt schildert uns Jason. Eine Welt, die nicht die des Lesers ist, betrachtet mit der Selbstverständlichkeit eines Menschen, der in dieser Welt zu Hause ist – ein hochspannender Ausgangspunkt. Aber Jason ist eben nicht immer bzw. nicht nur in seiner Welt heimisch. Er gehört ja auch zu unserer, muss sich also auch mit unseren Regeln vertraut machen. Muss sich anpassen. Und das ist für ihn so schwer wie für unsereins die Ersteigung des Mount Everest.
Er kennt die Regeln, die sozialen Gepflogenheiten, aber er begreift sie nicht, oder zumindest nur ungenügend. Und wenn er von diesen Situationen erzählt, hält er uns, den „Normalen“, einen Spiegel vor:
„Jetzt sprach meine Großmutter sogar noch lauter, was die Leute immer taten, wenn sie glaubten, ich würde nicht zuhören. Das wusste ich. Aber ich hörte jedes Mal zu, ich hatte nur nichts zu sagen. ... Ich musste etwas sagen, egal wie schwierig es war. Wenn dich jemand fragt, musst du etwas antworten, besonders, wenn die Frage noch einmal wiederholt wird. ... Ich hatte gelernt, wenn ich mich lange genug auf meinen Mund konzentriere, schaffte ich es, dass die richtigen Worte herauskamen. Zumindest ein richtiges Wort. Aber die meisten Menschen warten nicht lange genug auf die richtigen Worte ...“
Jason spricht nicht viel, macht bei Stress komische Geräusche und seine Hände flattern. Den Gürtel schnallt er viel zu eng, weil er ansonsten Angst hätte auseinanderzufallen. Aber er kann schreiben. Er schreibt Geschichten und stellt sie auf die Internetseite seiner Schule. Eines Tages bekommt er eine Mail von Phoenixbird, einem Mädchen aus Texas, die sich von da an via e-mail regelmäßig mit Jason über Literatur unterhält. Und wenn Jason schreibt, merkt kein Mensch, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Eines Tages allerdings begegnen sich Jason und Phoenixbird, und die rosa Seifenblase zerplatzt.
Der Roman ist an Realitätsnähe kaum noch zu überbieten. Schonungslos ist das Wort, das mir spontan einfällt, so abgedroschen es auch ist. Aber hier trifft es wirklich auf den Punkt.


Nora Raleigh Baskin: Jason und Phoenixbird. Aus dem Amerikanischen von Uwe-Michael Gutzschhahn. Hildesheim: Gerstenberg 2010. 191 Seiten. 13,90 €. Ab 13.

LG
Sabine
Unsere Vorstellung? -> hier klicken
Jan-Paul (10/01), schwer mehrfachbehindert ohne Diagnose, Tim-Henrik (03/05), Lea-Kristin (01/11)
REHAkids - Das Forum für besondere Kinder
Bücher für Kinder und Jugendliche http://buch.blogon.de/

Zurück zu „Sachbücher/Broschüren/Jugendbücher“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 0 Gäste