Verfasst am: 01.10.2004, 20:17 Titel: Verbot von Lauflernhilfen
Ich habe hier mal einen Artikel zur Ansicht ausgestellt, den ich für eine Zeitung im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit der Hamburger Kinderphysiotherapeuten geschrieben habe....
>>> Laufen lernen ohne Hilfen
Kinder müssen gefördert werden, sollen nicht nur früh lesen und rechnen lernen, sondern auch früh laufen. Um den Übergang vom Krabbeln zum Laufen zu beschleunigen, werden Lauflernhilfen angeboten. Das Kind sitzt in einer Art Hose, die von einem Gestell gehalten wird, kann damit durch den Raum "rutschen". Doch diese "Hilfen" machen zwar mobil, können aber die natürliche motorische Entwicklung verzögern.
Lauflernhilfen halten Kinder in einer "Aufrechten Stellung", obwohl sie selbst noch gar nicht in der Lage sind, diese eigenständig einzunehmen. Eingeschränkt werde dadurch, so beklagt die Arbeitsgemeinschaft Hamburger Kinderphysiotherapeuten, die Eigenaktivität des Kindes, sich in verschiedenen Ebenen zu bewegen, bis es genug Kraft und Geschicklichkeit gesammelt habe, um selbst zum Stand und zum freien Gehen kommen. „Viele Kinder gehen vermehrt auf den Zehenspitzen oder die Haltung zeigt deutliche Schwächen“, so der Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Tobias Bergerhoff aus Bergedorf.
Und eine Untersuchung an der Universität Dublin ergab sogar, dass Kinder, die solche Geräte benutzen, im Schnitt später laufen lernen als andere. "Die Zahl der Kinder mit Entwicklungsverzögerungen, Gleichgewichtsproblemen und Gangauffälligkeiten ist ohnehin schon stark gestiegen", so Bergerhoff weiter. Diesen Fehlentwicklungen sollte durch den Einsatz dieser Geräte nicht noch Vorschub geleistet werden. Und eine andere Gefahr kommt hinzu. In den Lauflernhilfen erreichen die Kinder hohe Geschwindigkeiten, können sich relativ frei im Raum bewegen, sind aber noch nicht in der Lage, die Gefahren einzuschätzen. Türschwellen, Leisten oder Teppichwellen können zu Stolperfallen werden, über 80 Prozent der Unfälle sind Treppenstürze. Und da die Kinder in den Geräten fixiert sind, kommt es häufig zu schweren Kopfverletzungen.
Dabei haben Kinder einen natürlichen Instinkt, wann sie mit den ersten Schritten beginnen können. Irgendwann zwischen dem 8. und 18. Monat ist es soweit individuelle Entwicklungsunterschiede sind dabei völlig normal. Mit dem völligen Verbot von Lauflernhilfen hat Kanada nun ein Zeichen gesetzt: seit Anfang April dürfen dort keine derartigen Geräte mehr in Geschäften oder auf Flohmärkten verkauft werden, darf keine Werbung damit betrieben werden. Sogar der Import wurde untersagt.
„Wenn man sich all die Gefahren und Entwicklungshemmnisse ansieht, sollte auch in Deutschland auf ein solches Verbot hingewirkt werden“, so das Fazit von Bergerhoff.<<<
Lauflernhilfen sind seit April in Kanada verboten...
>>>Und du fühlst, dass du lebst
Weil du tanzt und fliegst, du schwebst
Weil du lachst, weil du weinst und liebst
Du bist ein Wunder
Du bist ein Wunder<<<
Andreas Bourani "Wunder"
ich denke, das ist ein ganz heikeles Thema. Einerseits sind Lauflernhilfen sicher gut, andererseits wird damit aber auch viel Schindluder getrieben. Wenn die Größe der Lauflernhilfen stimmt, und das Kind da nicht zu lange "drin rum hängt", ist sicher nichts dagegen zu sagen. Wenn das Gerät jedoch zu groß oder zu klein eingestellt ist, und das Kind da rein gesteckt wird damit es nicht auf dem Boden liegt und co. wird es langsam umschön. Wenn dann noch Ernährungsprobleme hinzu kommen, kann das schnell ein unschönes Ende nehmen. Rechnet man den allgemein steigenden Leistungsdruck hinzu, der dazu führt, das Kinder immer früher immer Pflegeleichter werden müssen, kann es hilfreich sein da "Mechanismen" einzubauen, die so eine Entwickelung hemmen.
Daher denke ich, das man in Kanada eine "Milchmädchenrechnug" gemacht hat, denn die Lauflernhilfe zu verbieten ist die wohl billigste Lösung die Kosten für Folgeschäden in Grenzen zu halten. Es es aber hilft muß man abwarten.
Helmut _________________ Vater von Sonja, 22.J. alt, nach einer schweren Erkrankung im Alter von 2 Wochen aber auf dem Stand von 9 - 15 Monaten. ICP, HC, Epi. gehörlos, kaum Verständigung. Schwerstmehrfachbehindert.
ich denke, das es überhaupt kein heikles Thema ist, da ich in keinster Weise erkennen kann, wofür diese Geräte - sinnvoller Weise - gut sein sollen.
Die Anzahl all jener Kinder in meiner Praxis, die verstärkt auf Zehenspitzen gehen hat sich in den letzten Monaten verdoppelt.... mehr als 50% davon haben diese unnützen Dinger benutzt und waren vorher (laut Aussage der Eltern...) nicht so "steif" in den Beinen.
Dass die Kinder die Dinger klasse finden, liegt auf der Hand...und dadurch bedingt die Eltern auch, ist mir völlig klar....
Der letzte "Meilenstein" in der Entwicklung des Kindes am Ende des ersten Lebensjahres ist eben das "Laufen" und wenn das "kleine Mäxchen" es eben noch nicht kann und "klein Moritz" von nebenan kann es schon seit dem 9. Monat...na, dann ab mit der Mutti und klein Mäxchen in den nächsten Babyladen und so ein Ding gekauft...(habe ich mir zwar ausgedacht..aber so (oder so ähnlich) bekomme ich die Geschichten in meiner Praxis erzählt...).
Ich glaube, Kanada ist mit dem Verbot einen ganz konsequenten Weg gegangen und ich würde es begrüßen, dass es in Deutschland auch verboten würde.
Aber das ist nur meine Meinung...
Ein (gesundes) Kind lernt laufen, wenn es motorisch dazu in der Lage ist, und nicht, weil ein Gerät es ihm ermöglichen muss...sonst müssen wir noch Geräte für's Krabbeln, Robben, Drehen, auf dem Bauch liegen bleiben, den Kopf halten etc. etc. bauen.
Und so ganz nebenbei, man glaubt gar nicht wie gefährlich diese Geräte sein können...und die Eltern unvorsichtig....
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Andreas Bourani "Wunder"
Hallo Tobias,
von mir hast du volle Unterstützung. Unsere Großen haben Laufen gelernt ohne Lauflernhilfen. Vielleicht ist es manchmal beschwerlicher für die Eltern, das kann sein. Aber wir fanden die Lernhilfen für ein gesundes Kind zu gefährlich und ohne haben sie es schließlich auch gelernt.. und das ziemlich früh. Und um ehrlich zu sein: was bedeutet das? Nach unseren Erfahrungen mit Jakob bin ich froh, wenn das Kind Laufen lernt. Da ist es doch wurscht, ob es mit 12 oder .. Monaten ist, oder? Nun ja, jetzt hat man halt auch andere Erfahrungen gemacht..
Danke für dein Engagement, aus deinen Postings habe ich schon viel gelernt,
liebe Grüße,
Martina
"heikel" finde ich das Thema, weil ich schon vor 21 Jahren, als mein großer innerhalb von 3 Monaten ( mit 9 u. 12 Monaten ) 2 so Dinger geschenkt, und ich bösen Ärger mit der Verwandtschaft bekam, weil ich die Dinger, weil die Schenker sie nicht wieder mitnehmen wollten, inn Klump gehauen hab. Danach herschte ein halbes Jahr Funkstille. Heute ist der Druck zu laufen lernen noch einiges höher wie damals, so das die entsprechenden Reaktionen schlimmer ausfallen dürften. Da schenkt du liebe Oma ihrem Enkel so ein tolles Gerät, und die bösen Eltern lassen ihn nicht damit spielen.... Viele Eltern können sich solchen Knatsch nicht leisten, weil sie die Oma als Kindermädchen brauchen. In Kanada muß nun jede Oma einsehen, das es böse kommen kann, wenn man seinem Enkel so ein Gerät schenkt.
Helmut _________________ Vater von Sonja, 22.J. alt, nach einer schweren Erkrankung im Alter von 2 Wochen aber auf dem Stand von 9 - 15 Monaten. ICP, HC, Epi. gehörlos, kaum Verständigung. Schwerstmehrfachbehindert.
Über diese Lauflernhilfen habe ich bislang auch nichts Gutes gehört - im Gegenteil! Schön, dass Tobias hier mal auf die Gefährlichkeit der Dinger hingewiesen hat.
Der Konkurrenzkampf der Mütter normal entwickelter Kinder, welches Kind wann am Schnellsten laufen lernt, spiegelt sich ja auch in Manuelas Posting "Wartezimmergespräche" wieder. Eigentlich bin ich ganz froh, dass wir mit unserem Sohn bewusst dagegen halten können, denn in Begleitung eines behinderten Kindes sind schließlich andere Dinge wichtiger und man kann den Druck der Leistungsgesellschaft getrost hinter sich lassen. Ehrlich gesagt genieße ich das manchmal auch...
Lieben Gruß,
Sabine _________________ Unsere Vorstellung? -> hier klicken
Jan-Paul (10/01), schwer mehrfachbehindert ohne Diagnose, Tim-Henrik (03/05), Lea-Kristin (01/11)
REHAkids - Das Forum für besondere Kinder
Hallo!
Auch ich kann da nur zustimmen, das diese Dinger eher schaden als nutzen. Ich denke jedoch das ein gesundes Kind diesen Schaden durch eine relativ schnelle entwicklung begrenzt. Ganz gefährlich stelle ich mir diese Dinger tatsächlich für ein behindertes Kind vor, das a) sehr viel länger in so einem Ding sitzt und b) falsche bewegungsmuster die es erlernt hat ja nur schwer wieder los wird.
Im übrigen was den Konkurrenzkampf der Mütter normal entwickelter Kinder angeht, auch ich geniesse es da aussen vor zu sein. Das ist wirklich etwas wo man mit einem behinderten Kind drüber steht
Liebe Grüsse Nele _________________ Conny,Bj.73,Olaf,Bj.70 mit
Lea-Marie 10/95
Aenne Malin 11/01, Sehbehindert, Balkenhypoplasie, Epilepsie, schwere Entwicklungsstörung
Henry Roland 04/06, Balkenagenesie, Nierenaplasie rechts, Entwicklungsstörung
". Da schenkt du liebe Oma ihrem Enkel so ein tolles Gerät, und die bösen Eltern lassen ihn nicht damit spielen.... Viele Eltern können sich solchen Knatsch nicht leisten, weil sie die Oma als Kindermädchen brauchen. In Kanada muß nun jede Oma einsehen, das es böse kommen kann, wenn man seinem Enkel so ein Gerät schenkt.
Helmut
Das hast Du sehr schön beschrieben Helmut, wir hatten mit Oma und Opa genau dieses Problem. Opa hat den "Gehfrei", den meine Frau in Kinderjahren( sie ist mittlerweile 39), benutzte,(benutzen sollte), mal wieder vom Speicher geholt. Ich dachte mich trifft der Schlag, als ich unsere Tochter von den Schwiegereltern abholte, und sie in diesem Ding sass (hing). Er hat es bestimmt nicht böse gemeint, es war allerdings doch ziemlich stressig, ihm beizubringen, dass Rabea dieses Gerät nicht mehr "besteigen" wird. Opa hatte auch gleich noch ne kleine Anekdote zu diesem Thema. Er meinte meine Frau wäre superschnell mit diesem Teil unterwegs gewesen, und einmal sogar die Treppe "4 Stufen" heruntergefallen. Als ich ihn fragte, wie er dazu stehen würde, wenn Rabea damit die Treppe runterfallen würde, kam der Knaller: "Rabea ist ja nicht so schnell, Deine Frau war ja ein richtiger Wirbelwind in dem Alter, auf Rabea passen wir schon auf". Ich muss dazu sagen, dass meine Schwiegereltern nach wie vor babysitten, allerdings hat Rabea nie mehr im "gehfrei" gesessen(gehangen). Opa liebt Rabea über alles, gehört aber auch einer Generation an, die noch lernen müssen, mit Behinderungen umzugehen.
Unser Kleiner ist zwar erst vier Monate, aber wir haben uns bereits vor seiner Geburt dazu entschieden, das eine Lernlaufhilfe nicht ins Haus kommt. Der Verwandschaft, die für solche Geschenke in Frage kommt, wurde das von uns auch schon gesagt und somit denke ich werden wir da keine Probleme haben. Von unserer Bekannten in Kanada wußte ich bereits das sie dort verboten sind und finde es grundsätzlich richtig. Der Grund warum sie verboten wurden ist aber natürlich nicht, das die Kinder "falsch" laufen lernen, sondern das hohe Verletzungsrisiko bei Treppenstürzen u.ä.. So ein Ding kommt bei uns jedenfalls nicht ins Haus.
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