Verfasst am: 19.01.2006, 19:00 Titel: Jakobs Augen - ein Buch, nicht Martinas Jakob!
Hallo zusammen,
habe gerade von einem neu erschienenen Buch gehört und wollte Euch die Besprechung gerne weiterleiten. Gedanklich viele Grüße an Martinas Jakob und sie selber!
Der Potsdamer Autor Manfred Richter hat die Geschichte eines erblindenden Jungen aufgeschrieben
" Ich kann mir beim Zuhören manchmal mehr vorstellen als Nichtblinde sehen", liest Manfred Richter vor, und die Dame mit der gelben Binde und den drei schwarzen Punkten darauf nickt heftig und bestätigt flüsternd: "Das stimmt." Eine Art philosophische Stimmung über das Leben als Blinder und das Leben als solches lag am in der Luft bei der Lesung von Manfred Richters neuestem Werk "Jakobs Augen". An die 70 Personen waren am Wochenende zu der Lesung ins Stadthaus gekommen.
Die Sprache des Autors erfasst mit anmutiger Präzision die Sinneswelt der Hauptfigur Jakob. Der Junge Jakob erblindet durch ein Augenleiden bereits als Schüler und kommt auf die Internatsschule für Blinde und Sehschwache Schüler in Königs Wusterhausen. Dort erlebt er einerseits die ganz normalen Verrücktheiten, mit denen Pubertierende sich herumschlagen müssen: Ärger mit Regeln, die Entdeckung des anderen Geschlechts und so vieles mehr - doch das alles geht einher mit dem Verlust seiner Sehkraft.
So haben Sätze wie "Ihre helle Stimme (wird) dunkel und leise", "Ihre Kleider rascheln wie die Programmhefte im Theater" oder "Am kühlen Luftzug spüre ich, wie sich der Vorhang öffnet" eine unvermeidbare Tiefenwirkung auf das Publikum bei der Lesung. Zur Vermeidung von allzu viel Betroffenheit mischt der Autor eine beträchtliche Portion derber Komik hinein, die erfrischend daherkommt. Im Theater fragt Jakob seinen Freund, ob Julia schön sei. ",Bestimmt!' raunt er. Ich kichere. ,Du guckst ja selbst bloß so weit wie'n Schwein scheißt!'"
Manfred Richter hat im Auftrag des Märkischen Verlags Wilhelmshorst die Geschichte über den blinden Jungen Jakob geschrieben. Der Verlag hatte das Manuskript der autobiografischen Aufzeichnungen von Klaus Mudlagk erhalten, die jedoch etwas "spröde" gewesen seien, wie Verlagschef Klaus-Peter Anders erzählt.
Weil die Geschichte jedoch so unglaublich war, ersuchte er Manfred Richter, die Geschichte neu zu schreiben. In Gesprächen mit Mudlagk und gemeinsame Reisen an die verschiedenen Orte der Geschichte habe er sich dem Stoff angenähert, berichtete der Autor. Dennoch - oder gerade deshalb - löste die Betroffenheit der Anwesenden eine Diskussion über den Wahrheitsgehalt der Geschichte aus. Vielleicht waren die Wortbeiträge als ein Spiegel zu verstehen auf die vom Autor äußerst gefühlvoll vorgetragenen Erfahrungen einer fiktiven Person, die sich der Welt stellt mit all ihren schönen und traurigen Seiten. Der Spiegel sagt: Auch wir - Nichtsehende oder Sehende - suchen unsere Wahrheiten in dieser Dunkelheit.
Auf dem Deckblatt des Buches aus der Reihe Lebenslinien, die der Regional-Verlag seit sieben Jahren herausgibt, steht der Titel des Romans in Braillescher Punktschrift. Geplant ist nächstes Jahr auch eine Hörbuch-Edition.
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