Verfasst am: 07.11.2011, 17:27 Titel: Dämonentage und andere "wirre" Gedanken
Hallo zusammen,
vor einiger Zeit las bei einer Userin den m.E. sehr treffenden Begriff "Dämonentage" als Bezeichnung für den Umstand, dass nicht die Behinderung des Kindes, sondern die Summe ungünstiger Begleitumstände uns das Leben schwer machen.
An viele dieser Begleitumstände konnte ich mich mehr oder minder gewöhnen:
dass andere Kinder entwicklungsmäßig an Bene vorbeiziehen,
dass autistisches Verhalten als erziehungsbedingt fehlgedeutet wird,
dass Menschen unsensibel sind und einen mir ihren Luxus-Problemchen vollquatschen und dafür volles Interesses erwarten ("Oh, ich mache mir ja solche Sorgen, dass mein Kleinkind hb sein könnte, weil es ja soooo gut spricht." Naja, da braucht es bei mir eine Menge Selbstbeherrschung, die "feinfühlige" Mutter nicht ebenso "feinfühlig" aufzuklären , V.a. wenn klar ersichtlich ist, dass das Kind völlig normal entwickelt ist und nur in Relation zu einem eigenen behinderten Kind hb wirkt),
dass es schwierig ist, überhaupt eine Diagnose zu bekommen,
dass die endlich erhaltene Diagnose fast immer auch (als) Schublade wirkt,
dass man entweder die unrealistische oder überbesorgte Mutter ist (ohne die die korrekte Diagnose allerdings nie oder noch später gestellt worden wäre )
dass eine ehemals gute Freundin, die man in der SS liebevoll begleitet hat, sagt, dass sie seit der Geburt ihres gesunden Kindes nicht mal mehr den Anblick eines behinderten Kindes ertragen könne, weil alleine der Gedanke, dass ihr Kind behindert werden könnte, für sie nicht zu ertragen wäre, sich dementsprechend nicht mehr meldet oder jedes wirkliche Gerspräch blockt, um dann zu verkünden, dass unser Rückzug erfolgt sei, weil wir ihr Familienglück nicht gönnen würden (ohne natürlich der Tatasache im geringsten ins Auge zu schauen, dass ihr Glück fragiler nicht sein könnte, wenn selbst der Gedanke, dass irgend etwas eintreten KÖNNTE, unerträglich ist und dass sich eine Freundin generell NICHT so verhält).
Der letzte Aspekt hat mich allerdings wirklich geschockt. Damit dass jemand seine Illusion der Kontrollierbarkeit unbedingt behalten will, hätte ich leben können, aber nicht mit der ungerechtfertigten Schuldzuweisung!
Leider können mir solche Begleitumstände immer noch, V.a. wenn sie geballt auftreten, jedes Gefühl des (inneren) Friedens völlig nehmen, irgendwann muss ich mich wirklich sehr zusammenreißen, um nicht allen und jedem bitterböse und auch bewusst verletzend die Meinung zu geigen
Die Frage nach dem Warum von Benes Behinderung habe ich aufgegeben. Ich frage nach dem Wozu (und versuche das auch geistlich zu deuten).
Ich muss dabei vorausschicken, dass ich NICHT denke, dass Gott Leid schickt, sondern dass er vorhandenes Leid NUTZT, um dem Menschen - so er den will - Entwicklungsprozesse zu ermöglichen.
Ich hab mir überlegt ,was das für mich ganz persönlich sein könnte. Dankbarkeit und Demut? Vielleicht das auch in geringerem Maße, denn mir war von Anfang an bewusst, dass ich gar nichts steuern kann (daher auch keine PND) und ich war so unglaublich dankbar, dass AUSGERECHNET ich ein GESUNDES Kind bekommen hatte, dass es auch Früchte für andere trug. Und zwar ganz selbstverständlich: Es floss sozusagen aus mir heraus.
Ich glaube, Benedicts Behinderung lehrt mich momentan am ehesten das Verzeihen - und das Grenzensetzen. Bei Bene, mir und meiner Umwelt!
Es war für mich eine Riesenerkenntnis, dass ich meiner Freundin verzeihen konnte, aber trotzdem den Kontakt verweigern kann, OHNE ihr zum Abschluss noch ein paar Wahrheiten, die sie ja offensichtlich nicht ertragen kann, wenn Gedanken schon so bedrohlich sind - um die Ohren zu knallen.
Verzeihen und Grenzen setzen - da war der Friede plötzlich wieder da.
Wie geht ihr mit Dämonentagen um? Und was lernt ihr daraus?
Ich bin sehr gespannt, möchte die Antworten aber unkommentiert lassen.
Sie sind ja sehr persönlich - da gibt es eigentlich "nichts zu diskutieren
LG
Angie _________________ Benedict / März 2008 - expressive Sprachentwicklungsstörung, FKA, aber unter gfcf-Diät seit 12/2010 macht er Riesenfortschritte: http://www.REHAkids.de/phpBB2/ftopic73493.html
(wird regelmäßig aktualisiert, Diäteffekte ab Seite 3)
um nicht allen und jedem bitterböse und auch bewusst verletzend die Meinung zu geigen
ehrlich, tu's... wenn andere nur an sich denken... ich könnte da nicht an mich halten und würde auch an mich denken und explodieren, weil es mir dann gut täte, man muss sich einfach nicht alles bieten lassen und manchmal kann "Meinung geigen" auch Seelenbalsam sein und der ein oder andere braucht es einfach, mal den Kopf gerade gerückt zu bekommen....
hoffe, das war jetzt nicht zu ehrlich
lG,
AnKa _________________ AnKa mit Tochterkind 10/02 u. Minimonk 11/05 mit Syndaktylien, extremen Knick-Senkfüßen, hyperreagiblem Nervensystem u. aut. Verhaltensmustern - seit Jan. '11 glückliches Regelschulkind!
Meine EX-Schwiegermutter sagte am Sonntag:
" Beni sieht ja behindert aus" ( Zitat von seiner OMA!! )...
Wie soll Frau darauf reagieren????
Ich hab sie nur angeschaut und gesagt:
"Sein Charakter ist besser als deiner!"
LG Anita _________________ Beni, 25.ssw 610g, er erzieht mich alleine
Dandy-Walker, schwere therapieresistente Epilepsie, ketogene Diät, Button, O²-bedarf, etc.
☆¸·´¯´·¸☆¸·´¯´·¸☆¸·´¯´·¸☆
Vergangenheit ist Geschichte,
die Zukunft ist ein Geheimnis...
aber jeder AUGENBLICK mit Beni ist
ein Geschenk!
Meine EX-Schwiegermutter sagte am Sonntag:
" Beni sieht ja behindert aus" ( Zitat von seiner OMA!! )...
Wie soll Frau darauf reagieren????
Ich hab sie nur angeschaut und gesagt:
"Sein Charakter ist besser als deiner!"
LG Anita
HAlllloooooo
da wäre mir die Spucke im Hals stecken geblieben,
aber deine Aussage stimmt _________________ LG Denise
Hi Angie
Du hast so Recht mit dem was du geschrieben hast Meine Freundin ist auch nach 22 Jahren tiefster Freundschaft von mir gegangen. Aber so schnell ändert sich das Leben Aber auch ich habe nicht die Zeit mir Gedanken zu machen, ob ich gerade schick genug aussehe, oder ich die neusten Konsumgüter besitze.Alicia ist das Beste was mir passiert ist, so wie sie ist, ist sie toll. Und wer das nicht sehen kann/will, der hat in meinem Leben nichts mehr zu suchen
Liebe Grüße
Julia _________________ A. 12/09 schwere peripartale Asphyxie
Es war für mich eine Riesenerkenntnis, dass ich meiner Freundin verzeihen konnte, aber trotzdem den Kontakt verweigern kann, OHNE ihr zum Abschluss noch ein paar Wahrheiten, die sie ja offensichtlich nicht ertragen kann, wenn Gedanken schon so bedrohlich sind - um die Ohren zu knallen
Hallo Angela,
jetzt mal ehrlich. Verzeihen sieht doch anders aus. Wenn man ehrlich und aufrichtig verzeiht, sagt man doch nicht, ich verzeihe Dir , aber ich will Dich nie wieder sehen. Das ist vielleicht dann so halbherziges Verzeihen. Ich würde sagen, Du brauchst nicht zu verzeihen, Du kannst auf sie verzichten. Persönlich denke ich , dass Du da keine echte Freundin hattest. Ist ein bisschen kompliziert. Dämonen sind was Scheußliches. Die gibt es heute nicht mehr. Vielleicht eher Niedergeschlagenheit oder (leichte) Depression.
Das hatten wir ja nun schon öfters, die Größe verzeihen zu können. Das denke ich kann jeder. Aber nicht alles und jeder Zeit. Man darf auch mal Dampf ablassen. Und dann die "Wunden heilen" lassen. Und man darf tief gekränkt sein. Dieses Recht hat man. Bestimmt auch vor Gott. Und vielleicht irgendwann verzeiht man dann. Sich zum Verzeihen zu "zwingen", das erscheint mir als Verdrängungsprozess. Man tut so, als sei man nicht wütend. obwohl man sehr wütend ist. Das geht nicht.
Ich sende Dir auf jeden Fall mal eine _________________ Viele Grüße Esthe
mit Tochter, 16 Jahre, spastische Diparese, Infantile Cerebralparese
Eine kränkende Wahrheit ist mehr wert als eine reizende Schmeichelei
Johann Heinrich Pestalozzí
@ Anka: Nein, du bist nicht zu ehrlich
Aber ich habe es selten erlebt, dass Menschen wirklich ihre Sicht ändern WOLLTEN. Insofern hat Konfrontation dann immer nur noch zu mehr Aggressionen - auf beiden Seiten - geführt. Schon gar nicht bei Menschen, die ihre Sätze mit "Du hast sicher Verständnis, dass ..." anfangen, um den Satz mit einer Aussage weiterzuführen, von der sie im Grunde wissen, dass sie NICHT akzeptabel ist, weshalb sie ja auch den entsprechenden Vorspann einfließen lassen.
Nur - ich bin nicht mehr bereit, mich als Jasager (ja, sicher, ist alles richtig so, wie du es siehst) oder als Projektionsfläche (du siehst es ja nur so, weil du mir das gesunde Kind nicht gönnst) missbrauchen zu lassen.
Bitte nicht falsch verstehen: Es darf mich jeder um Rat fragen und ich bin die letzte, die sagt "selbst schuld ", wenn der andere nicht meiner Meinung ist und es dann schief geht. Aber: Wenn es nur darum geht, dass ich ein m.E. auch noch völlig krudes Weltbild bestätigen soll, dann empfinde ich das schon fast als Missbrauch.
Da ist mir dann die Zeit für ein Gespräch über kurz oder lang zu schade.
Speziell im Falle meiner Freundin - sie war wirklich eine, soweit ich das beurteilen kann - würde eine Konfrontation kaum Sinn machen.
Ich würde mich danach nicht weniger verletzt fühlen als jetzt, würde aber ihre Verletzung mitempfinden (und mir so selbst schaden). Und wenn es eh nichts nützen würde, da sie sich ja ihre Illusionen erhalten will, wäre es einfach eine sinnlose Verletzung ihrerseits. Das fände ich angesichts der guten Zeiten unserer Freundschaft nicht fair.
@ Esthe: Doch das geht Verzeihen und den Kontakt verweigern (der von ihr ja ohnehin eigentlich nicht gerwünscht ist oder nur so, dass wir Bene außen vorlassen). Nach einer langen Zeit, in der ich SEHR WÜTEND war (was mir gar nicht gut getan hat!!), hege ich nun keinen Groll mehr gegen sie. Aber ich weiß, so wie sie momentan drauf ist, tut mir der Kontakt nicht mehr gut. Und ihr auch nicht, denn ich nenne Dinge beim Namen, die sie verdrängen möchte oder muss.
Ihre Phobie vor behinderten Kindern kommt nicht von ungefähr angesichts eines Mannes, der sich schon aufregt, wenn seine Wochenendplanung minimal verschiebt
Insofern kann ich sie sogar verstehen, dass sie die Unwägbarkeiten des Lebens gerne verdrängt, denn sonst müsste sie sich fragen, wie es ihr wohl erginge, wenn ihr gesundes Kind (das Bene ja auch mal war) plötzlich behindert würde. Mein Mitgefühl für ihre Situation hält sich hingegen in Grenzen. Einen Ehemann kann man sich aussuchen, ein Kind nicht
Sollte sie jemals nachfragen, werde ich einfach sagen, dass sich unsere Lebenswirklichkeit auseinanderentwickelt hat, was der Wahrheit entspricht und die Schuldfrage offen lässt. Ich hab einfach keine Lust mehr auf weitere Konfrontation und die zugehörigen Aggressionen.
Und das finde ich gar nicht unchristlich. Jesus sagt zwar, du musst unendlich oft verzeihen, aber fügt hinzu, WENN der andere um Verzeihung bittet[/b]. Das tut sie aber in keinster Weise! Es soll alles vielmehr so sein, wie sie möchte, egal wie kränkend das für mich ist.
Und es würde ihr ebenfalls nicht weiterhelfen, da ich sie so in ihrer verletzenden Haltung ihren Mitmenschen gegenüber letztlich sogar bestärke, was auch für sie nicht gut ist. Wir sind ja nicht die einzige Freunden, die sich zurückgezogen haben, weil sie auch deren Probleme einfach ausblenden wollte.
@Dirk: Ja, auch ich hätte gerne eine Zwischenlösung. Also eine Lösung, wo ich in solchen Situationen wie mit einer Freundin, "die Wut über die Ungerechtigkeit parken" könnte, also ohne aggressiv anderen gegenüber oder aggressiv mir gegenüber (damit meine ich die gedankliche Beschäftigung mit den Verletzung) zu kommen.
@Julia: Ich habe durch die Situation mit Bene nur eine Freundin verloren, aber mehrere gefunden. Meine soziale Bilanz ist also positiv Das wünsche ich dir (und allen anderen hier) auch von Herzen!
@nochmal @ Esthe: Mein "Dämon" heißt Wut (und nicht Depression oder Niedergeschlagenheit)
Als "dämonisch" (so etwa im Sinne von "nicht beinflussbar böse und von außen kommend") empfinde ich diese "wahnsinnige" Wut - wahnsinnig, weil ich weiß, dass sie mir absolut schadet und ich sie streckenweise gar nicht steuern kann (also nicht in der Tat, sondern im Erleben).
LG an alle
Angie _________________ Benedict / März 2008 - expressive Sprachentwicklungsstörung, FKA, aber unter gfcf-Diät seit 12/2010 macht er Riesenfortschritte: http://www.REHAkids.de/phpBB2/ftopic73493.html
(wird regelmäßig aktualisiert, Diäteffekte ab Seite 3)
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