Frankfurt am Main (kobinet) Immer mehr Kinder und Jugendliche in Hessen bekommen Medikamente gegen das sogenannte Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) verordnet. Daten der Techniker Krankenkasse (TK) zeigen: Im Jahr 2006 erhielten fast 1.600 TK-versicherte Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 17 Jahren Pillen gegen die Aufmerksamkeitsstörung. Im Jahr 2010 waren es bereits über 1.900. Bereinigt um den Zuwachs der Versicherten in der Altersklasse ist die Anzahl der betroffenen Kinder damit um 12 Prozent gestiegen.
Auch die Menge der verordneten Medikamente sei gestiegen. 2006 haben die niedergelassenen Ärzte in Hessen jedem betroffenen Kind und Jugendlichen noch 175 Tagesdosen der entsprechenden Medikamente verordnet. 2010 waren es 195 Tagesdosen. "Die Kinder stehen heute unter einem enormen familiären und schulischen Druck zu funktionieren. Verhaltensauffälligkeiten sofort mit Medikamenten zu bekämpfen, ist dabei der falsche Weg", sagt Professor Dr. Hannsjörg Seyberth, Vorsitzender der Kommission für Arzneimittelsicherheit im Kindesalter der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin und ehemaliger Geschäftsführender Direktor des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin der Philipps-Universität Marburg. "Gerade vor dem Einsatz von Psychopharmaka sollten die Ursachen der psychischen Störung genau untersucht und wenn möglich mit anderen Therapiemöglichkeiten wie zum Beispiel Psycho- oder Verhaltenstherapie behandelt werden. Denn die Spätfolgen und Langzeitwirkungen von Psychopharmaka bei Kindern sind bisher nur wenig erforscht."
Vor diesem Hintergrund geben auch die Antidepressiva-Daten Anlass zur Sorge. Zwar hat sich der Anstieg der betroffenen Kinder und Jugendlichen bundesweit seit 2006 etwas verlangsamt. Allerdings fällt auf, dass ein Fünftel der Verordnungen Medikamente betrifft, die bei Kindern und Jugendlichen nicht eingesetzt werden sollen. Die Auswertung zeigt auch, dass viele fachfremde Mediziner wie zum Beispiel Hausärzte Antidepressiva verschreiben.
"Die Behandlung mit Psychopharmaka gehört in die Hände von Fachärzten. Denn die Wirksamkeit und Risiken der verschiedenen Arzneimittel müssen genau abgewogen werden. Gerade bei Kindern und Jugendlichen können bestimmte Antidepressiva schwere Nebenwirkungen wie Vergiftungen, Herz-Rhythmus-Störungen oder Suizidrisiko auslösen", sagt Denise Jacoby, Sprecherin der TK in Hessen. moh _________________ Dagmar *1962,Robert *1965,Frea Jakobine *1985, T21,operierter AV- Kanal,Neo Leander*2004, HFA
Ich kenn die Hälfte von euch nicht halb so gut wie ich es gerne möchte und ich mag weniger als die Hälfte von euch auch nur halb so gern wie ihr es verdient!
Bilbo Beutlin
Hallo Dagmar, auch Erwachsene nehmen immer mehr Psychopharmaka, weil sie sonst in ihrer Arbeit nicht mehr genug funktionieren wie die Kinder in der Schule. Das bringt das heutige Lebenstempo mit all seiner Komplexität mit sich.
Menschen sind keine Maschinen und haben sehr unterschiedliche Gaben und Belastungsgrenzen, was aber heutzutage nicht gefragt ist und auf dem Arbeitsmarkt nicht gebraucht wird.
Um dann in die gewünschte "Form" besser zu passen, müssen Medikamente mithelfen. So ist es bei Janosch und mir auch. Und wir entschleunigen schon in unserem Alltag soviel wie möglich und haben große Freiräume. Aber ohne ADHS-Medi drehen wir trotzdem durch.
Aber für die, die wirklich ADHS haben, kommt auch noch, dass die Welt, in der wir mit unseren Eigenschaften ohne Medis klar kämen, noch gestrickt werden müsste.....und vor allem finanziert, denn:
Alle Therapien, die an die Ursachen der psychischen Störungen gehen, zeigen, dass wir Beide einen ganz anderen Lebensrythmus brauchen, den es aber für uns nicht gibt. Janosch bekommt keine 1:1-Bespaßung rund um die Uhr und ich bekomme es nicht, schreibend und musizierend in den Tag zu leben mit nicht mehr als ca 3 Stunden Leistungsanforderungen von außen, was ich schon als Jugendliche in Wohlstandszeiten als ideal für mich erkannt habe.
Und zwar nicht aus Faulheit, sondern weil mich alles andere stresst. Aber wer soll sowas bieten?
Da greift denn wohl auch, dass ADHS in stärkerer Ausprägung wie bei Janosch und mir einfach enge Belastungsgrenzen setzt und eben einfach auch eine Stoffwechselstörung mit diesen Folgen ist. Da hilft auch das Graben nach psychischen Ursachen wenig.
Wenn dann wie bei Janosch noch Behinderung dazu kommt, dann erst recht.
Unterm Strich heißt das für mich:
1) So einige, wie ich auch, haben sich ohne Psychopharmaka früher, als das Leben einfacher war, trotzdem entweder durchgequält oder durchgemogelt. Gut, wenn das heute durch Medis besser geht.
2) Die heutige Welt ist zu schnell und komplex und ignoriert, dass Menschen keine Maschinen sind.
Was ein Riesenproblem wirklich ist:
Fachleute mit Ahnung von den richtigen Psychopharmaka sind unbedingt wichtig, damit die Kinder die richtigen Medis und/oder Therapien in richtiger Dosierung bekommen. Realität ist: Wenn die Eltern keine Ahnung haben, ist das Kind meist schlecht dran.
Hallo Marianne,
meine Meinung ist, wenn man wirklich krank ist, soll man Medikamente nehmen. Du hast hier Argument gebracht, dass mir sehr zu denken gibt.
Zitat:
Das bringt das heutige Lebenstempo mit all seiner Komplexität mit sich.
Menschen sind keine Maschinen und haben sehr unterschiedliche Gaben und Belastungsgrenzen, was aber heutzutage nicht gefragt ist und auf dem Arbeitsmarkt nicht gebraucht wird.
Ich finde es gefährlich so zu denken. Meiner Ansicht nach können Medikamente nicht die Lösung sein. Muss dazu sagen, dass wir das bisher ohne geschafft haben. Ich nehme ungern etwas ein. Ich versuche es mestens erst mit " Hausmittelchen".
Ich verstehe Dich schon richtig, dass dies eine der Ursachen ist. Es gibt auch Berichte, dass viele Menschen durch den Arbeitsplatz psychisch erkranken. Trotzdem muss man sich immer in Behandlung begeben, in der Hoffnung, dass der Arzt nicht zu "locker" verschreibt und entsprechende Therapie machen. Psychopharmaka können nur eine vorübergehende Lösung sein. Klar, wenn jemand schwer krank ist, müssen individuelle Lösungen her. Von drogenähnlichen Medikamenten, die die Leistungsfähigkeit steigern, halte ich gar nichts. Im Endeffekt muss man sich bewusst sein, wo das hinführt. Die Probleme werden nicht weniger, sondern mehr. _________________ Viele Grüße Esthe
mit Tochter, 16 Jahre, spastische Diparese, Infantile Cerebralparese
Eine kränkende Wahrheit ist mehr wert als eine reizende Schmeichelei
Johann Heinrich Pestalozzí
Hallo Esthephania, das sehe ich genauso wie du. Vor allem, wenn wahllos ohne Kenntnis die Medis "eingeworfen" werden. Ich bin auch immer dafür, Medis erst dann und nur dann zu nehmen, wenn nichts anderes mehr hilft, gerade auch bei Kindern.
Aber ich sehe auch, dass jemand, der von ADHS betroffen ist, manchmal wirklich Medikamente braucht und dass unser Lebensstil auch zu Krankheiten führt, wenn man ihn nicht ändern kann.
Dabei kommt heraus, dass es bei immer mehr Menschen ohne Medikamente nicht geht in der heutigen Zeit. Hab gestern noch in der Zeitung gelesen, wie sehr die Krankschreibenden aus psychischen Gründen zugenommen haben.
Und Kinder haben viel mehr Migräne und Schulprobleme aller Art als früher.
Da helfen mitunter keine leichten Hausmittelchen mehr und die haben die Betroffenen meist auch schon lange selber probiert.
Und dann überrascht zu tun, finde ich auch etwas seltsam. Damit meine ich dich jetzt nicht, Estephania.
Aber Schule ist ganz anders geworden. Da gibt es viele Stress- und Überforderungsgründe wie auch zu wenig Bewegung, zuwenig Zeit der Eltern für die Kinder, zu ungesunde Ernährung, Armut uvm.
Aber eben auch, dass eine Reihe Kinder soviel Probleme haben, dass sie ohne Medis aus ihrem Alltag fallen.
Und ADHS ist eben eine Krankheit, die früher nicht bekannt war, was noch dazu kommt. Sicher wird sie durch den Lebensstil verstärkt, aber auch ohne gab es sie schon und früher wurde sie nicht behandelt, aber dennoch litten Menschen unter ihr.
Ich bin ja selber ein Beispiel und dazu noch eins, das hohe Begabungen hat und lebt, aber mit was für Umwegen und Brüchen im Leben. Mein ADHS-Doc sagt, wäre ich weniger intelligent, wäre ich total auf der Nase gelandet.
Ich war ja als Schülerin schon immens überreizt oft und das in einer ruhigen Dorfschule. Ich habe mir vor lauter Kribbelei die Haare ausgerissen und Albträume gehabt. Früher hat sich um sowas gar keiner gekümmert.
Als ich älter war, habe ich in Krisenzeiten, Prüfungen und so, Baldrian und Johanniskraut frei verkäuflich erworben und eingenommen und immer wieder psychologische Beratung gesucht.
Als ich dann die schweren ersten Jahre mit Janosch nicht dosieren konnte in den Anforderungen, landete ich in einem jahrelangen Dauer-Burn-Out. Therapien und pflanzliche Medis reichten nicht. Antidepressiva auch nicht. Vom Tag der Einnahme meines ADHS-Medis hörten die täglichen schrecklichen Erschöpfungsanfälle auf.
Ich bin immer noch nicht annähernd normal belastbar, aber es lässt sich leben.
Von daher bin ich da, wo nötig, absolut für Medis.
Bei Janosch haben wir bis zum Schulalter ohne Medis Therapien gemacht. Aber sie schlugen erst an, als ab dem Alter von siebeneinhalb Jahren die Medis für eine Basis sorgten, auf der Janosch überhaupt erreichbar für sie war.
Vorher war er sozial-emotional Außenseiter, seitdem ist er nicht ohne "Baustellen", aber voll integriert in Schule und HPT und Hobbys.
Und unser beider Leben hat eine hohe Lebensqualität gewonnen.
Ja, und dafür nehmen wir unbekannte Langzeitwirkungen der Medis in Kauf. Denn, wie unser Leben heute ohne "unlebbar" wäre, das ist mehr als bekannt.
ich hatte letztens ein interessantes gespräch mit unserem kinder und jugendpsychiater. wir haben die medis ja abgesetzt, was er super fand, er hat mir aber auch gesagt, das das nicht die regel ist. meistens bekommt er patienten, die seit 10 jahren oder mehr medis nehmen, teilweise mehrere gleichzeitig, wo nie auch nur ein auslassversuch gemacht wurde und gar kein verständnis dafür da ist, das es z.b. bei leichten formen von ADHS, auch ohne medis, dafür aber mit therapien gehen kann. die jungen erwachsenen schrecken auch total davor zurück, die medis mal wegzulassen. "wie soll das gehen nach so vielen jahren auf einmal ohne, panik".
ich kenne auch selber ein kind, das mit 10 jahren 81 mg concerta + 25 strattera bekommt und wenn es mal wieder nicht läuft, dann gibts noch was obendrauf, dabei läuft er jetzt schon wie ein zombie rum, echt schlimm...
ich selber kenn dass auch nur so, dass überall immer gleich nach medis geschrien wird, egal ob schule, kiga oder so. immer mehr, immer stärker, egal...
lg
susie _________________ j.(02) adhs, neurodermitis, verdacht auf as und t.(08) sev, multiple dyslalie
ich kenne auch selber ein kind, das mit 10 jahren 81 mg concerta + 25 strattera bekommt und wenn es mal wieder nicht läuft, dann gibts noch was obendrauf, dabei läuft er jetzt schon wie ein zombie rum, echt schlimm...
Hallo,
in solchen Fällen frage ich mich, wo die Leute die Medikamente her haben. Ein Arzt der so verantwortunglos verschreibt? Schwarzmarkt?
Zitat:
meistens bekommt er patienten, die seit 10 jahren oder mehr medis nehmen,
Das wird sich ändern müssen. Ich weiss nicht, ob die Pausen schon vorgeschrieben sind oder in Zukunft vorgeschrieben werden. _________________ Viele Grüße Esthe
mit Tochter, 16 Jahre, spastische Diparese, Infantile Cerebralparese
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Johann Heinrich Pestalozzí
also in dem fall von dem jungen, von einem KJP in düsseldorf, ich kenne die familie sehr gut und auch lange schon, aber nachvollziehen kann ich das nicht, mir wird auch immer anders, wenn der junge mal bei uns übernachtet und ich dann morgens die medis geben muß....
vorgeschrieben ist das mit den pausen wohl nicht, hängt wohl auch von fall zu fall ab, manche fälle sind so schlimm, da kann man sich die pausen gleich schenken, außerdem muß die schule ja auch mitspielen. ich hatte selber auch schon mal in der schule angefragt wegen pause, das wurde gleich abgeblockt, entweder er kommt mit medis oder er braucht gar nicht kommen, also welche wahl hat man dann? wir haben ja abgesetzt ohne bescheid zu sagen und das ist wohl auch die gängige praxis wegen dem widerstand....leider
lg
susie _________________ j.(02) adhs, neurodermitis, verdacht auf as und t.(08) sev, multiple dyslalie
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Ja, und dafür nehmen wir unbekannte Langzeitwirkungen der Medis in Kauf. Denn, wie unser Leben heute ohne "unlebbar" wäre, das ist mehr als bekannt
sagte der juppy und zog sich ne line,sagte der alkoholiker und kaufte die nächste buddel
@marianne,das kann ich so nicht stehen lassen,es handelt sich bei den medikamenten um drogen,auch wenn die nett dosiert ärtzlich verordnet werden.
wirklich problem löst man dann ,wenn man die erforderlichen altagsbewältigungsmethoden verinnerlicht hat,die einem gut tun,meine ansicht jetzt.
nix für ungut
Ich kenn die Hälfte von euch nicht halb so gut wie ich es gerne möchte und ich mag weniger als die Hälfte von euch auch nur halb so gern wie ihr es verdient!
Bilbo Beutlin
Anmeldedatum: 27.04.2006 Beiträge: 10577
Wohnort: Mannheim (aber Azubi in Schwarzenbruck bei Nürnberg)
Verfasst am: 27.10.2011, 14:27 Titel:
Hallo,
vielleicht melde ich mich mal hier als selbst Betroffener zu Wort. Ich selbst bekam meine Diagnose erst mit 22 Jahren (ich bin heute 25). Ich habe lange unter meiner Kindheit und Jugend gelitten so dass ich dankbar gewesen wäre wenn man vom ADHS früher gewusst hätte. Ich habe mich nach der Diagnosestellung bewusst für Medikamente entschieden aber mir selbst die Bedingung gesetzt die Medikamente nicht "alleine" zu nehmen sondern nebenher Coaching und Psychotherapie zu machen. Das halte ich bis heute so. Ich nehme die Medikamente noch aber meist nur an Ausbildungs bzw. Berufsschultagen weil ich einfach auch mit Hilfe der Medikamente einen besseren Umgang mit mir und den berühmten 4 Buchstaben gelernt habe.
Grundsätzlich halte ich es aber für falsch Kinder wie im o.g. Fall regelrecht abzuschießen nur dass es die Eltern leichter haben. Das Kind leidet unter diesem "abschießen" viel mehr als alle Beteiligten.
LG
Simon _________________ 15.10.1986 30.SSW (Zwilling Jennifer, +27.10.86) TS (FzM m. Hormontherapie), ICP v. Typ Tetraparese Läufer bis 08/2003, d. psychosomatisches Syndrom Rollifahrer geworden, chr. Sinusitis, ADHS m. massiven Schlafstörungen, wiederkehrende Schmerzepisoden, Refluxösophagitis
Hallo Marianne,
ich würde Dich dazu nun gern so fragen. Mit Janosch ist ja nun nicht zu beurteilen, ob das ohne nicht viel schlimmer wäre. Ich habe schon soviel über ADHS gelesen, dass ich auch nicht weiss, ob es ADHS wirklich gibt. Also die Diagnose an für sich. Es wird darüber soviel berichtet, dass man nicht wirklich schlau wird. Auf jeden Fall nur bei ADHS darf ja nach den Erkenntnissen, die man bisher hat, Ritalin und Co gegeben werden. Alles andere fällt unter " Probe". So wie ich Dich lese, hat J. eindeutig ADHS. Das würde ich so stehen lassen.
Aber zu Dir. Wieso zieht man nicht früher die Bremse? Du hättest Dich vermutlich nicht so überfordern dürfen. Das scheint ja das eigenliche Problem. Ich verstehe Deine Motive. Und vielleicht hätte ich selbst auch nicht gemerkt, wenn man so krank wird, dass es nicht mehr weitergeht. Aber das scheint mir der Knackpunkt zu sein. Ich habe mal eine Frau kennegelernt, die hatte über 30 Jahre ihren Verwandten gepflegt. Geht nur mit Mitteln hat sie gesagt. Aus meiner Sicht, kann es das nicht sein. aber es scheint, die Leute bringen sich oft selbst an ihre Grenzen. Ich kann es schon ein stückweit nachvollziehen. Aber dass man die eigene Gesundheit opfert, ist ja eigentlich verkehrt? _________________ Viele Grüße Esthe
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Johann Heinrich Pestalozzí
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