Verfasst am: 11.03.2011, 19:26 Titel: Ein Wort sagt mehr als tausend Bilder
Hallo,
mein Sohn ist taubstumm.
Allerdings kann er auf Papier oder Computer Zwei- und Mehrwortsätze schreiben, z.B. "PAPA MÜNCHEN KAUFEN JA".
Da er Spastiker ist, schreibt er natürlich nicht so schnell (am Computer geht es verständlicherweise schneller).
Meine Fragen:
1) Habt ihr Kinder die wenig Gebärden können und sich lieber schriftlich ausdrücken wollen ?
2) Nutzt ihr dieses "Schreibvermögen" eures Kindes im Alltag, und wenn ja, in welcher Form (Talker, Papier, Computer) ?
Armin ist zur Schule im Heim.
Dort ist die Gebärdensammlung im Vordergrund.
Armin "beherrscht" nach meinem Dafürhalten nur wenige der Gebärden.
Zur "Sicherheit" habe ich gerade die Mutter von Armin angerufen und gefragt, wieviel Gebärden Armin ihrer Meinung nach beherrscht.
Die Mutter meint, Armin beherrsche viele Gebärden.
Und das ist eigentlich das Hauptproblem bei der Gebärdensammlung:
Wegen fehlender Grammatik in der Gebärdensammlung klassifiziere ich Armin's "Kommunikationsvermögen" schlichtweg gegen minimal, die Mutter empfindet dieses hingegen als gut.
Für "schwierige" Sachen benutzt die Mutter aber auch den Computer mit Armin. Beispiel: Mutter gebärdet Armin, dass morgen Arzttermin ist. Armin nimmt "sofort" den Computer und schreibt: "Warum Arzt, Armin gesund ?!"
Nur "einfache" Sachverhalte wie: "Wir fahren morgen nach Hamburg." akzeptiert Armin in Gebärden, sobald aber Rückfragen nach "Abfahrtszeit" oder gar "Warum nach Hamburg" im Raume steht ist der Computer anstelle der Gebärden die erste Wahl der Kommunikation.
Ich habe mich mit DGS beschäftigt, aber zwischenzeitlich habe ich bei Armin davon Abstand genommen.
Die Gründe sind:
- hoher Lernaufwand
- die allermeisten Menschen sprechen DGS nicht
Die meiner Meinung nach schönsten und besten Gebärden sind von Etta Wilken, und im Umfang mehr als ausreichend für alle Beteiligten.
Damit lassen sich 80% aller Kommunikationen abdecken, weil diese oft sehr banal sind.
Die restlichen 20% (nach Paretto 80% aller komplexen Kommunikationsanforderungen) können hervorragend mit dem Computer abgedeckt werden.
Suchen tue ich im Moment Eltern, die mit ihren Kindern mit einfachen Gebärden (10 bis max 100) "reden" und danach ins Schriftsystem wechseln.
Die Idee - die sich bei den Eltern von Armin - bewährt hat wird noch bestärkt durch meine Beobachtung, dass im Heim von Armin vermehrt iPhones bei den "Behinderten" auftauchen und diese von den Behinderten im Bereich unterstützende Kommunikation auch eingesetzt werden.
Wie oft habe ich beobachtet, dass Armin mit Gebärden Sachverhalte x-fach wiederholen musste, weil der Gegenüber es einfach nicht verstanden hat.
Ich bin der Meinung, dass Armin manche Sachen 3-mal gebärden muss und dann immer noch nicht sicher sein kann, dass der Andere es verstanden hat.
Da DGS "exakter" ist, müsste mit DGS diese "ewige" Wiederholerei ein Ende haben und auf ein Mindestmass reduziert werden.
Soweit die Theorie, a b e r die "Praxis" ist, dass Armin "hochrechnet", wenn es jetzt schon so schwierig mit "einfachen" Gebärden zu kommunizieren, wie schwierig ist es erst mit richtiger Gebärdensprache!
Deshalb wechselt Armin zum Computer, wenn es "schwierig" wird in der Kommunikation.
Puh, eine ganz schön schwere Frage....
Ich bin keine Mutter eines gehörlosen Kindes - kenne mich allerdings durch meinen Sohn mit UK aus und habe habe in meiner Ausbildung zur Sozialarbeiterin im Gehörlosenbereich (Erwachsene) gearbeitet (ist ein paar Jahre her).
Meine Erfahrung ist die, das durch die DGS eine eigene Kultur entstanden ist - die ich grundsätzlich für gut heiße, wenn es darum geht, ein "gehörloses Selbstverständnis" zu bekommen.
Wenn man bedenkt, dass vor 30 Jahren DGS in den Gehörlosenschulen verboten war und es auch vor 15 Jahren noch Schulen exisierten, in denen die Lehrer selbst kein DGS beherrschten, so halte ich es grundsätzlich für sinnvoll, den Kindern die Chance zu geben, DGS zu lernen.
Als ich in der Ausbildung war, gab es noch keine PC's in allen Haushalten, damals wollten alle Gehörlosen Faxgeräte haben, um sich schnell und umkompliziert zu unterhalten, dies war beliebter, als die Schreibtelefone, weil so auch Kommunikation zwischen Gehörlosen und Hörenden problemlos möglich war.
Dank der Handys ist dieses Problem nun beseitigt...
Wenn es durch den Einsatz von Handies in Schulen gelingen sollte, dass Gehörlose sich darüber verständigen, so empfinde ich persönlich dies als bessere Strategie - weil es damit auch gelingen könnte, die Kommunikationsbarriere zwischen Hörenden und Gehörlosen weiter einzureißen - so dass vielleicht diese "parallel existierenden Kulturen" vielleicht immer weniger erforderlich sind.
Und wenn die "jüngere Generation der Gehörlosen" dies vorlebt und sogar wünscht - dann bin ich der Meinung, das Ihr als Eltern dies unterstützen solltet !!!
Das einzige, wovor ich warnen möchte (vielleicht ist dies aber bei Dir gar nicht nötig....), ist, dass die Gebärdensprache verschwindet, weil die Eltern nicht bereit sind, diese zu lehren und zu lernen (vor 15 Jahren gab es eine Menge dieser Eltern.....)
Ich bin der Meinung, dass es die Entscheidung der "Betroffenen" sein muß, welche Form der Kommunikation die richtige ist. Der Weg in die "Normalität" ist sicherlich der Weg über den Computer - wobei ich den allergrößen Respekt vor den DGS'lern habe und ich es auch immer respektieren würde, wenn Gehörlose sich für diesen Weg entscheiden.
Meiner Ansicht nach ist DGS zwar eine sehr lebendige Sprache, einiges mag sie sogar besser ausdrücken können, als die deutsche Sprache (alles was visuell auszudrücken ist)- aber gerade wenn es um "intellektuelle" Themen geht, versagt sie...(dann gibts nur noch buchstabieren....). Und selbst wenn ein Gehörloser die Gebärde versteht - weiß diese noch längst nicht derjenige Gegenüber....
Wenn Dein Sohn in der hörenden Welt zurechtkommen will - ab an den
PC !!! Hör auf Deinen Bauch !!!
Ganz schön spannend !
Gruß
Kirsten _________________ Kirsten mit Timo (*2005), frühkindlicher Autismus
Ich hatte in meinem Berateralltag nur einmal so einen Fall und zu meiner Zeit als Erzieher war Gehörlosenpädagogik wohl das Einzige, was ich nicht gemacht habe.
Was ich aber allgemein sagen kann: nutze alle Kanäle, die Deinem Kind zur Verfügung stehen! Es gibt nichts allein seelig machendes.
Gebärdensprache ist toll und solange sich Dein Sohn in einem Umfeld bewegt, in dem Gebärden verstanden werden, ist das wohl die schnellste Art der Kommunikation (und Kommunikation hat immer auch was mit Geschwindigkeit zu tun). Ausserhalb dieses Rahmens nützt ihn das aber herzlich wenig.
Schreiben am Computer ist natürlich eine weitere Möglichkeit, aber in anderer Hinsicht begrenzt: ich kann den PC nicht dauernd mit mir rum schleppen und selbst ein iPad oder vergleichbares nutzt mir in einer Gruppe nicht viel. Ich kann ja nicht dauernd das Gerät rum gehen lassen, damit alle lesen können, was ich zu sagen habe. Ganz davon abgesehen, das ich in der Zeit dann meiner Sprache beraubt bin.
Ein Talker wäre hier eine Lösung, nützt mich aber in anderen Situationen nichts (im Schwimmbad, beim fußballspielen, was weiß ich).
Ich würde also wie gesagt alle Kanäle nutzen, die Deinem Sohn zur Verfügung stehen.
Schöne Grüße
Martin _________________ Vater eines behinderten Kindes (Kabuki-Syndrom, +04.05.2008), Rehaberater (Kommunikationshilfen), ca. 10 Jahre Erzieher im Behindertenbereich, 3 Jahre Berater Hilfsmittel Sonderbau, FC-Erfahrung (sowohl gestützte Kommunikation als auch FC Köln )
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