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Wie geht es jetzt weiter? V.a. Apraxie
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Doedtmann
Logopädin
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Anmeldedatum: 12.10.2005
Beiträge: 163
Wohnort: Münster

BeitragVerfasst am: 25.09.2010, 17:33    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo ihr Lieben,
zunächst einmal: bei einer Apraxie ist das Kind nicht in der Lage
zu artikulieren das ein verständliches Wort entsteht. Wenn
das Kind jedoch ein verständliches Wort spricht und das auch
bewußt wiederholen kann, ist es keine Apraxie.
Evtl. kommt es zu dyspraktischen Bewegungsmustern.
Das sind Fehlbewegungsmuster der z.B. Zunge. Bei z.B.
bewußter Bewegung der Zunge kommt es zu Suchbewegungen
(das Kind findet die Bewegung nicht sofort korrekt). Trotzdem
kann das Kind einen kleinen Wortschatz bilden (2 - 10 Worte).
Dieser Wortschatz wurde möglich, weil das Kind mit den
gelernten Worten häufig und wiederholt zu tun hat.
Es handelt sich hier um eine motorische Sprachentwicklungs-
störung. Die Motorik, die für die Artikulation zuständig ist, funktioniert
nicht korrekt. Da steht, wie schon erwähnt, der Zusammenhang
zwischen Sprache und Motorik ganz direkt nebeneinander Exclamation

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Fr. Dödtmann, Logopädin in stationärer Intensivreha für besondere Kids, UK- Fachberaterin
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bennimum
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Beiträge: 24

BeitragVerfasst am: 25.09.2010, 19:01    Titel: Antworten mit Zitat

Es handelt sich bei Benjamin wohl um eine Entwicklungsdyspraxie. Da er neben den gravierenden Sprachproblemen sehr ungeschickt wirkt und ihm Sachen, wie z.B. Hüpfen fast unmöglich sind. Meine Logopädin ist wirklich sehr bemüht und hat mir reichlich Informationsmaterial zukommen lassen. Vielleicht hilft die Liste im Anhang einigen Anderen auch weiter. Denn diese Diagnose wird nicht allzu häufig gestellt. Um noch einmal auf das Thema Diagnose zu kommen.. Ich denke schon, dass es wichtig ist, die Ursache zu kennen, um eben die richtigen Therapien beginnen zu können, das wäre bei uns nun die taktile Therapie und auch um sich an etwas orientieren zu können.

Hier eine Liste mit Merkmalen verbaler Entwicklungsdyspraxie/ kindlicher Sprechapraxie ( beide Begriffe werden verwendet):

- verzögerte Sprachentwicklung
- Therapie geht nur langsam voran
- Sprechen ist teilweise unverständlich
- auch bereits gelernte Wörter werden immer wieder unterschiedlich produziert
- je länger und komplexer die Wörter sind, desto mehr Fehler treten auf
- Kinder lassen ganze Silben weg, vor allem am Wortende
- Sprechstörungen und Lernschwierigkeiten sind auch häufig auch bei anderen Familienmitgliedern zu beobachten
- leichte neurologische Auffälligkeiten z.B. Ungeschicklichkeit
- unklar, welche Gehirnhälfte dominiert
- häufigeres Vorkommen bei Jungen
- Probleme beim Füttern- Kauen und Saugen
- Speichelfluss
- schwache Lippenstellung
- schlechte Kontrolle über Bewegungen der Zungenspitze
- Probleme beim Nachmachen von Bewegungen mit Lippen oder Zunge
- Sprachverständnis ist viel besser als die Sprachproduktion
- neue Wörter kommen nur vereinzelt und langsam
- evtl. gute nonverbale Kommunikationsfähigkeit und Kompensation
- Schwierigkeiten beim Zeichnen/ Malen
- Probleme beim Aneinanderreihen von Bewegungen

LG
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Doedtmann
Logopädin
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Beiträge: 163
Wohnort: Münster

BeitragVerfasst am: 26.09.2010, 08:11    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo bennimum,
es ist schwierig, aus Beschreibungen heraus eine klare Linie zu verbalisieren.
Meine Beschreibungen im Text hatte ich auf eine verbale Entwicklungsdyspraxie
bezogen. Ich habe in den Behandlungen von VE sehr gute Erfahrungen mit
dem Mc Ginnis Programm gemacht. Das ist ein Therapiekonzept welches über
eine Assoziationsmethode angewandt wird. Sprich doch bitte deine Logopädin mal
auf das Mc Ginnis Programm an. Vielleicht führt sie das sogar schon durch.
oh, moment, wie alt ist dein Sohn? Ich muss gerade überlegen, war er 3 Jahre alt??
Das Programm orientiert sich an Buchstaben. Ich führe es in der Regel mit Kindern
durch wenn sie das 4. Lebensjahr beendet haben. Trotz dessen kann es sein,
das es für deinen Sohn mit 3 Jahren schon geeignet ist. Das sollte man auf jeden
Fall mal ausprobieren.
Viel Glück

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Fr. Dödtmann, Logopädin in stationärer Intensivreha für besondere Kids, UK- Fachberaterin
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LogoBirgit
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BeitragVerfasst am: 27.09.2010, 21:47    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo bennimum!

Die Behandlung einer verbalen Entwicklungsdyspraxie erfordert viel Geduld und braucht Zeit! Mit einer Logopädin, die sich mit dieser Störung auskennt und einer darauf zugeschnittenen Therapiemethode (z.B. McGinnis, Taktkin, KoArt oder das niederländische Dyspraxieprogramm) ist die Prognose recht gut. Es besteht durchaus die Chance, dass dein Sohn richtig sprechen lernt! Die meisten Kinder mit dieser Diagnose, die ich behandelt habe, waren bis zur Einschulung sprachlich so weit, dass sie problemlos in die Regelgrundschule gehen eingeschult werden konnten. Es ist gut, dass ihr die Diagnose so früh bekommen habt, bei vielen wird sie erst nach langer erfolgloser Therapie mit fünf Jahren oder später oder gar nicht gestellt! Lass dich nicht entmutigen! Die Therapie wird lange dauern, ist aber erfolgversprechend! Frag´deine Logopädin so lange, bis du dich wirklich gut informiert fühlst. Je besser du dich auskennst, desto besser kannst du deinen Sohn unterstützen!
Bei Fragen kannst du mir gerne eine pn schicken!
Liebe Grüße
Birgit

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Petra Patriarca
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BeitragVerfasst am: 28.09.2010, 07:17    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Birgit,

bei meinem Sohn wurde auch eine massive Sprachentwicklungsstörung diagnostiziert, allerdings eine rezeptive Sprachstörung.
Mit 7 Jahren lag sein Sprachverständnis unter dem Prozentrang 1, seine expressive Sprache hingegen war kaum betroffen. Als Ursache wurde auch eine allg. Dyspraxie angenommen. Er kann/konnte Bewegungsabläufe nur schwer automatisieren, sodass er sich eigentlich nur auf die Bewegung konzentrieren konnte - das Sprachverständnis lag meilenweit zurück.
Es wurde auch in Richtung geistiger Behinderung und Autismus spekuliert, aufgrund seiner tollen Fortschritte, ist dies wohl auszuschließen.
Bei uns war es so, dass die Logo nicht wirklich viel gebracht hat, ganz im Gegensatz zur Psychomotorik. Mit jeder Verbesserung der motorischen Entwicklung ging es sprachlich voran.
Kennst du solche oder ähnliche Fälle auch ? Denn hier im Forum wird bei einer Dyspraxie meist von der Unfähigkeit zu sprechen (schlechte Mundmotorik) ausgegangen- das Sprachverständnis hingegen ist weniger betroffen (bei uns war es eben genau umgekehrt).

Liebe Grüße Petra
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LogoBirgit
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BeitragVerfasst am: 28.09.2010, 22:39    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Petra,

eine Dyspraxie als Ursache für eine so massive Sprachverständnisstörung kommt mir sehr merkwürdig vor. Dyspraxien betreffen Bewegungs- und/oder Handlungsplanung. Selbst wenn er sich sehr aufs Bewegen konzentrieren muss, ist das keine hinreichende Erklärung für die Sprachverständnisprobleme! Ist seine Hörverarbeitung (auditive Wahrnehmung) gründlich getestet worden? Hat er nur Probleme mit dem Verstehen von Sprache oder auch mit dem Differenzieren von Lauten oder sogar Geräuschen? ich kenne so schwere Sprachverständnisstörungen vor allem im Zusammenhang mit Hörverarbeitungsstörungen, allgemeinen Entwicklungsverzögerungen oder wie du schon geschrieben hast, mit Autismus oder geistiger Behinderung. Was wurde denn in der Logo gemacht?

Liebe Grüße
Birgit

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Petra Patriarca
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BeitragVerfasst am: 01.10.2010, 19:53    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Birgit,

die auditive Wahrnehmung ist keineswegs so gründlich getestet worden, wie ich es hier von anderen schon gelesen habe Confused .
Aber erst ging man im SPZ von einer autistischen Störung bei einer grenzwertigen Intelligenz (IQ 70) aus und jede Form der Logo wurde erstmal als Zeitverschwendung angesehen Shocked . Er hat im Alter von 2 Jahren ca. 20-30 Wörter gesprochen, aber sehr vieles ohne Sprachverständnis , z.T. Echolalie. Auch führte er lange Monologe , die eine echte Sprachmelodie hatten , aber nur aus willkürlich zusammengesetzten Silben bestanden. (Mit 2,8 Jahren bekam er Paukenröhrchen und die Polypen raus)
Ich habe ihm dann das Sprechen mehr oder weniger selbst beigebracht - über Lebensmittel.
Also Dinge gezeigt, was er gerne mag/essen wollte und er hat sie bekommen, wenn er die Worte wiederholte. Das größte Problem war oftmals die Motivation. Wenn mein Sohn ein Wort/Thema nicht interessiert hat er die Begriffe auch nicht gelernt.
Seine zweite große Baustelle war von Anfang an die Motorik. Er hat zwar alles mehr oder weniger altersentsprechend gelernt - aber dann kaum Fortschritte gemacht Confused .
Er konnte mit 16 Monaten die ersten freien Schritte machen und mit 24 Monaten war sein Gangbild nicht viel besser. Er konnte nur gehen , wenn er auch gucken konnte was er gerade macht. Wenn er gestürzt ist, wußte er nicht, wie man sich mit den Händen abstützt bzw. war zu langsam. Wenn er über ein Mini-Hindernis wollte , musste er zu seinen Beinen gucken um sie richtig hinzustellen. Er hat das dann immer und immer wieder gemacht bis er es konnte. Am nächsten Tag hat er wieder von vorne angefangen Rolling Eyes . Er war dann auch sprachlich mehr oder weniger nicht ansprechbar, da er wirklich seine komplette Konzentration für die Bewegungsabläufe gebraucht hat. Auch beim spazierengehen hat er mehr oder weniger nichts um sich herum wahrgenommen, da er so mit dem Gehen beschäftigt war. Sich eine Blume,Baum etc. anzugucken hat ihn schon überfordert Sad .
Durch stetiges Üben hat er Fortschritte gemacht und auch sprachlich ging es dann voran.
Dann wurde er wieder von einer Sprachheilpädagogin überprüft und vom SPZ wurde nun Logo empfohlen. Schwerpunkt der Logo war Wortschatzerweiterung, Handlungsabläufe erklären.
Phonologisch war er, was Silbenklatschen betraf sehr gut , auch Buchstaben konnte er gut hören. Grammatikalisch war der Satzbau korrekt, allerdings verwendete er häufig Infinitivkonstuktionen und hauptsächlich den Genetiv.
Riesenprobleme bereiteten ihm die Artikel, 90% waren falsch, der Rest eher zufällig richtig. Auf dieses Problem ging die Logo gar nicht ein, da andere Sachen im Vordergrund standen.
Trotzdem konnte er auf einmal (mit ca. 8Jahren) alle Artikel richtig. Zwischendurch erfolgte eine weitere sprachliche Begutachtung und diagnostiziert wurde eine so massive rezeptive Sprachstörung , die somit auch mit einer autistischer Störung zu verwechseln sei.
Als Ursache wurde uns erklärt , sei seine starke Beeinträchtigung der Handlungsplanung und Automatisierung der Bewegungsabläufe. Durch die Probleme der Motorik würden sich Defizite der höheren Hirnfunktionen ergeben , wovon besondes die Sprache betroffen sei.

Wie auch immer er kann inzwischen sehr gut lesen und schreiben ( keine Spur von LRS) und hat sich schulisch viel besser entwickelt als angenommen wurde Very Happy .Bei Fabian war es wirklich so, dass mit der motorischen Entwicklung - die sprachliche Entwicklung nachzog. Inzwischen ist der Zusammenhang nicht mehr so deutlich und er entwickelt sich sprachlich ständig weiter - auch wenn er motorisch noch hinteher hinkt.
Er ist jetzt in der 5.Kl. an einer Sprachheilschule aufgenommen worden. Für Außenstehende ist es heute aber kaum vorstellbar, welche Schwierigkeiten Fabian beim Erwerb der Sprache hatte. Auch sind seine kognitiven Fähigkeiten sind bei weitem nicht so schlecht wie prognostiziert. Aber wer nichts versteht, dem kann man halt auch schlecht was erklären. Bei IQ-Tests schneidet er immer noch schlechter ab, als seine schulischen Leistungen sind, da ihn der Sprachteil und die Verarbeitungsgeschwindikeit immer noch nach unten ziehen Mad .

Viele Grüße Petra
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