Heidi Orth, eine erfahrenen Physiotherapeutin und langjähriges Mitglied des Lehrteams von Prof. Dr. Vojta, hat ein Buch für betroffene Eltern und Physiotherapeuten über die Vojta-Therapie geschrieben. Ein lange erwartetes und nicht mehr erhofftes Buch. Heidi Orth hat das Bestreben, mit diesem Buch Therapeuten und Eltern im Therapieprozess zu unterstützen. Um dies zu gewährleisten, ist es nötig, das Vojta-Prinzip zu erklären. Um das Vojta-Prinzip zu erklären, benötigen alle Beteiligten eine gemeinsame Verständigungsgrundlage. Diese Verständigungsgrundlage wird mit diesem Buch geschaffen.
Vojta ist kaum zu verstehen, vergisst man die Herangehensweise von Vaclav Vojta, der seine Erfahrungen als Neurologe und Pädiater, die er in einem Behindertenzentrum mit zerebralparetischen Kindern und Jugendlichen gesammelte hatte, zu einer Systematik verdichtete und in ein therapeutisches Konzept wandelte, dessen Name es auch heute noch trägt. Das Vojta-Konzept entstand also aus der praktischen therapeutischen Erfahrung einer langjährigen Arbeit mit Betroffenen. „Das Vojta-Prinzip beschreibt die normale gesetzmäßige Bewegungs- und Haltungsentwicklung eines Kindes im 1. Lebensjahr und nutzt die aufgrund genetisch angelegter Bewegungsprogramme zur Verfügung stehenden Bewegungsmuster für die Diagnostik und Therapie.“ (S. 24). Die normalen gesetzmäßigen Bewegungs- und Haltungsmuster eines Säuglings innerhalb der ersten 12 Monate werden ausführlich im Kapitel 3, das Vojta-Prinzip als Diagnoseinstrument wird in Kapitel 4 beschrieben.
Wie ein roter Faden ziehen sich bestimmte Schlüsselbegriffe durch das gesamte Buch, Schlüsselbegriffe (Neugierde, Schwerkraft, Haltung), deren Bedeutung den betroffenen Eltern eigentlich immer als Allererstes vermittelt werden müsste. Aus der „Vogelperspektive“ werden die zentralen Zusammenhänge und Abhängigkeiten der sensomotorischen Entwicklung des Kleinkindes dargestellt und über diese Schlüsselbegriffe ein allgemeines Verständnis der Entwicklung etabliert. Wer mit diesem Grundwissen die Praxis eines Physiotherapeuten zur ersten Vojta-Stunde mit seinem Kind betritt, versteht ziemlich rasch den Sinn und Zweck der Übungen und sieht in der einzelnen Übung den Gesamtzusammenhang, der oft nicht vermittelt oder im täglichen Übungstrott verloren zu gehen droht.
So lebt die sensomotorische Entwicklung jeden Säuglings von der Neugierde des Säuglings. Ohne diese Gier auf Neues fehlt dem Säugling jeder Anreiz einer motorischen Fortentwicklung.
Die sensomotorische Entwicklung folgt einem Muster: nach oben, entgegen der Schwerkraft (Aufrichtung). Mit anderen Worten: die sensomotorische Entwicklung lebt von der Neugierde des Kindes, sich gegen die Schwerkraft zu behaupten und an Höhe zu gewinnen. Dazu gibt es genetisch angelegte Bewegungsmuster, die aktiviert und durch Lernprozesse optimiert werden.
Bewegungsmuster werden auch als Ganzkörpermuster bezeichnet und dieser Begriff beschreibt wesentlich genauer, was damit gemeint ist: es gibt keine Bewegung, die nicht Auswirkungen auf den gesamten übrigen Körper hat – Bewegung ist ein den ganzen Körper erfassender Prozess. Was dabei jedoch leicht übersehen wird: Außenstehende nehmen die Veränderungen war, also das Bein, das sich bewegt, der Arm, der nach etwas greift. Die Bewegung ist jedoch nur möglich, wenn die sich bewegende Extremität einen festen Halt hat. Bewegung ohne Haltung ist nicht möglich. Die sensomotorische Entwicklung eines Kleinkindes besteht also zu einem entscheidenden Teil daraus, einen festen Halt zu besitzen. Zuerst im Liegen, später im Stehen und zu guter Letzt beim Laufen.
„Haltung und Bewegung sind dabei voneinander abhängig. Jede veränderte Körperposition, und sei sie noch so klein erfordert die Anpassung der Haltung und des Gleichgewichts.“ (S. 24).
Die Vojta-Therapie basiert auf der Grundannahme, dass die gesetzmäßige Bewegungs- und Haltungsentwicklung bei Kindern mit zentralen Koordinationsstörungen dadurch verhindert wird, dass den Kindern der normale Zugang zu den angeborenen Bewegungsprogrammen durch eine Schädigung des zentralen Nervensystems verwehrt ist. Mit der von Vojta entwickelten Reflexlokomotion steht den Kindern eine Therapie zur Verfügung, die durch einen genau definierten Reiz, den „Input“, ein gewünschtes „Ganzkörpermuster“ hervorrufen kann. Der „Input“ bezweckt die Einflussnahme des Therapeuten auf die Informationsverarbeitung im und die Organisation des zentralen Nervensystems. Der „Input“ soll – durch regelmäßige und häufige Wiederholung – es dem zentralen Nervensystem ermöglichen, einen funktionsfähigen Zugang zu den angeborenen Bewegungsmustern aufzubauen und zu stabilisieren, so dass diese Bewegungsmuster dem Kind später auch in der Spontanmotorik zur Verfügung stehen.
Um die erwünschten „Ganzkörpermuster“ auszulösen arbeitet die Vojta-Therapie mit verschiedenen „Lokomotionsmustern“: dem Reflexkriechen, dem Reflexumdrehen und der Hockposition auf Unterschenkeln und Unterarmen. Diese Bewegungsmuster finden in ihrer Gesamtheit keine Entsprechung in der sensomotorischen Entwicklung des gesunden Kindes, sie vereinen jedoch vergleichbare Teilmuster aus verschiedenen Entwicklungsstadien und bereiten so auf das Robben, Krabbeln, Kriechen und Gehen vor.
Für die Arbeit mit den „Lokomotionsmuster“ muss das Kind in genau definierte Ausgangspositionen gebracht werden, die dem ZNS vorab wichtige Informationen über die Vordehnungen/Entspannungen der Muskulatur liefern. Das ZNS wird dadurch auf das Kommende vorbereitet. Auslösbar ist das Lokomotionsmuster durch Druck auf besonders sensible Reizstellen am Rumpf und an den Extremitäten: „Das Auslösen der Zonen bedeutet ein gezieltes Stimulieren neuronaler Strukturen.“ Das Lokomotionsmuster wird aktiviert.
Im Folgenden werden nun die drei Lokomotionsmuster genau erklärt: wie sieht die Ausgangsposition aus; welche Druckpunkte werden verwendet; wie ist der Druck auszuüben; welche Bewegungsantworten sind zu erwarten und welche Ausweichreaktionen des Kindes sind möglich. Jede der Aussagen wird durch eine schöne Skizze unterlegt, aus der zu ersehen ist, was der Text in Worte fasst. Hier freut sich nun der Praktiker, denn erstmals liegt ein Buch vor, dass es den selber therapierenden Eltern ermöglicht, die eigenen Anstrengungen – bis zu einem gewissen Punkt – auch selber zu kontrollieren. Wie oft steht man vor der Situation, dass das Kind einen Bewegungsablauf zeigt, der „irgendwie“ anders ist, als in der Praxis beim Physiotherapeuten gesehen: handelt es sich um eine Ausweichreaktion, habe ich vielleicht bei der Ausgangsposition geschludert – mit Hilfe dieses Buches kann ich meine therapeutischen Bemühungen überprüfen und möglicherweise korrigieren. Ich erkenne Dank der ausführlichen Beschreibungen die von mir ausgelösten Bewegungsreaktionen und kann sie im Lokomotionsmuster verorten.
Die Vojta-Therapie ist nicht nur Therapie, sie ist ein kommunikativer Prozess, der sich zwischen Therapeut, Eltern und Kind abspielt und mit „Störquellen“ bspw. den Reaktionen der Umwelt auf diese Form der Behandlung befassen muss. Der Erfolg der Vojta-Therapie beruht dabei zum geringsten Teil auf der fachlichen Kompetenz des Therapeuten, sondern auf dem funktionierenden kommunikativen Prozess zwischen allen Beteiligten, denn nur gemeinsam kann auf den Therapieerfolg hingearbeitet werden. Heidi Orth arbeitet dabei sehr genau die „Störquellen“ heraus, die einem Therapieerfolg entgegenstehen. So erfordert die Vojta-Therapie bei kleinen Kindern motivierte Eltern mit einer hohen Bereitschaft zur Mitarbeit.
„Es ist meist nicht das Kind, das die Anforderungen in der Vojta-Therapie als schlimm empfindet, sondern es sind die Mutter oder der Vater.“ (S. 179)
So steht einem Erfolg der Therapie bei Müttern oft ein uneingestandener Rollenkonflikt entgegen, der sich in dem Satz zusammenfassen lässt: „Bin ich Mutter oder Therapeutin“. Väter dagegen schleichen sich oft aus der Verantwortung mit dem Satz: „Ich kann das nicht, mir tut das Kind so leid und ich bin so sensibel.“ Hier handelt es sich nicht um eine überbordende Sensibilität sondern um eine Flucht aus der Verantwortung.
Vojta funktioniert nur, wenn Eltern erkannt haben, dass mit dieser Therapie ihrem Kind geholfen werden kann und sie mit einer hohen Motivation dabei sind. Da die Motivation mit dem Erreichen positiver Ziele wächst, ist es auch Aufgabe des Therapeuten, erreichbare Ziele zu definieren, auf die es sich hinzuarbeiten lohnt.
Vojta funktioniert nur, wenn das Zusammenspiel zwischen dem Kind und dem Behandler funktioniert. Dabei ist es wichtig, die Ebenen der verbalen und der nonverbalen Kommunikation zu beachten, denn die Therapie selber funktioniert ja im Wesentlichen über die Hände und den Körper. So ist es wichtig, die Signale des Kindes zu erkennen und zu verstehen, aber auch selber auf beiden Ebenen sachgerecht und ehrlich mit dem Kind zu kommunizieren. Wird gelobt, so müssen sich die Worte in der Körpersprache widerspiegeln und das geht nur, wenn das Lob ehrlich gemeint ist.
Oft genug auch schreit das Kind bei der Therapie, was uns Eltern erschreckt. Dabei ist Schreien eine normale Äußerung auf neue und ungewohnte Anforderungen, auf Verunsicherungen oder das Schreien dokumentiert eine Veränderung von Atmung und Lautäußerung durch die Therapie. Und wie wir alle wissen: Schreien ist nicht gleich schreien. Die Art des Schreiens, die Körpersprache des Kindes und das Verhalten während der Therapie geben uns Hinweise auf sein Befinden. Oft genug dokumentiert das Schreien nur noch einen Protest, der durch die geforderte Anstrengung hervorgerufen wird.
Auch die Umwelt reagiert oft genug mit Unverständnis auf die Vojta-Therapie, sie wird als hart bezeichnet oder es wird von „sanften“ Therapien berichtet, die den gleichen Erfolg vorzuweisen hätten. Das Konzept des Forderns und Förderns wird massiv in Frage gestellt:
„Eltern sehen sich dem Vorwurf ausgesetzt, dass sie ihr Kind quälen und ihm physischen Schaden zufügen.“ (S. 204)
Hier hilft nur das Wissen um die Vorteile der Vojta-Therapie und eine Standfestigkeit gegenüber solchen Reaktionen, denn die „Vojta-Therapie unterstützt nicht nur den Rehabilitationsprozess, sondern kann durch die gemeinsame strukturierte Zusammenarbeit auch die psycho-soziale Entwicklung eines Kindes unterstützen.“ (S. 209)
Einfach gesagt: hier liegt ein lange erwartetes und doch nicht mehr erhofftes Buch vor, das die Vojta-Therapie für betroffene Eltern erklärt und diese in der Therapie unterstützt. Und, es wird betroffenen Eltern in einem Punkt mit Sicherheit helfen: Die Qualität eines Vojta-Therapeuten können ab jetzt daran erkennen, ob er Eltern dieses Buch empfiehlt – oder auch nicht. _________________ Unsere Vorstellung? -> hier klicken
Jan-Paul (10/01), schwer mehrfachbehindert ohne Diagnose, Tim-Henrik (03/05), Lea-Kristin (01/11)
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>>>Und du fühlst, dass du lebst
Weil du tanzt und fliegst, du schwebst
Weil du lachst, weil du weinst und liebst
Du bist ein Wunder
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Andreas Bourani "Wunder"
Dank Deiner Empfehlung, Tobias, habe ich mir das Buch auch gekauft, um unsere Vojta-Therapie zu begleiten. Ich habe es zwar noch nicht durch, aber kann Christoph zumindest in dem Teil zustimmen, den ich bisher gelesen habe.
Besonders gut gefallen mir die Beschreibungen der Positionen mit den Aufzählungen, worauf man achten sollte, was Ausweichbewegungen sind, und wie man gegensteuern kann. Gerade in der Rückenlage zeigt Linn für einen Anfänger wenig richtige Reaktion, nach dem Buch konnte ich schon viel mehr erkennen.
Ich habe das Gelesene dann auch in die Therapiestunden mit der KG eingebracht und gemerkt, dass sie viel schon erklärt hatte, was ich nur nicht verstanden hatte. Übrigens empfiehlt sie das Buch nun auch weiter!
LG
Nellie _________________ Linn *2004, Intensivkind mit schwerster Mehrfachbehinderung durch eine Gehirnfehlbildung namens pontocerebelläre Hypoplasie Typ 2a (PCH 2a), Sondenkind mit Button, Epilepsie, Tracheostoma, nachts beatmet, schwere Wahrnehmungsstörung und ein zauberhafter roter Lockenkopf mit festem Willen und Ann *06/09, fröhliche Minimaus --> unsere Vorstellung und --> Bilder von uns
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