Verfasst am: 30.08.2010, 14:48 Titel: Sorgerecht für autistischen Bruder
Hallo zusammen
mein name ist lauren und ich bin neu hier ich bin 24 und selbst noch nicht mutter aber mein kleiner bruder vincent ist autist. Er ist jetzt 13 und lebt seit er 3 ist in einem heim da unsere eltern verstorben sind. Ich bin dort auch teilweise aufgewachsen und weiß dass er da ganz gut aufgehoben war, doch jetzt mit dem beginn der pubertät ist er natürlich anstrengender und braucht mehr aufmerksamkeit bzw. sorgt für stress. das heim sagt jetzt dass es diesen ``sonderfall´´ nicht mehr tragen kann und will ihn in eine staatliche einrichtung einliefern die auf jugendliche mit behinderungen spezialisiert ist.
abgesehen von dem für ihn garantiert sehr krassen bruch in seinem üblichen tagesablauf denke ich, dass er in der einrichtung untergehen würde. vincent ist häufig still und macht sich nicht bemerkbar wenn ihm was fehlt. trotzdem ist er intelligent und durch förderung lernt er viel und schnell.
deshalb habe ich mich schon fast dazu entschieden ihn zu mir zu nehmen. probleme dabei sind nur das finanzielle und mein eigenes handicap. ich konnte mir das zum einen bisher einfach noch nicht leisten, aber jetzt überlege ich ob ich nicht mit kindergeld, Pflegegeld und waisen zuschuss/ waisenrente genug zusammen hätte, damit vincent auf eine gute förderschule gehen könnte und ihm auch so an nichts fehlem würde.
außerdem bin ich selbst beidseitig unterschenkelamputiert und hätte einfach körperlich nicht die kraft und balance ihn mal fest zu halten falls er agressiver wird....das war er allerdings mir gegenüber auch bisher noch nie....
außerdem könnte ich dann sicher sein, dass es ihm gut geht und er hätte ein recht familiäres umfeld, da ich mit meinem freund zusammen lebe.
vielleicht könnt ihr mir bei dieser entscheidung behilflich sein?! einfach ein bisschen erzählen wie ihr es empfindet mit einem behinderten kind zu leben und die volle verantwortung zu tragen?
Verfasst am: 31.08.2010, 18:09 Titel: Sorgerecht für autistischen Bruder
Hallo Lauren!
Ich bin seit 27 Jahren Mutter eines schwerstmehrfachbehinderten jungen Mannes. Ich habe Florian nach der Geburt ( er wurde durch die Geburt hirngeschädigt), 20 Jahre zuhause betreut und gepflegt. Ab dem 3. Lebensjahr war er halbtags im Sonderkindergarten und dann nach der Einschulung tagsüber in der Schule/Tagesstätte. Seit seinem 21. Lebensjahr lebt er in einer stationären Wohngruppe.
Ich habe keine eigene Erfahrung mit Autisten. Das was ich aus dem Forum und darüber hinaus weiss, ist der Alltag mit einem autistischen Kind fast noch anstrengender als mit einem spastisch gelähmten Rollstuhlkind. Vor allem nervlich. Noch dazu, wenn man diese Belastung vollkommen alleine meistern muss. Wenn man dann selber noch ein eigenes Handicap hat, kommt man bestimmt sehr häufig an den Punkt, wo man es alleine nicht mehr schafft.
Ich denke aber, dass es möglich ist, für Deinen Bruder da zu sein, wenn Du ihn entweder in der Einrichtung besuchst und dort Zeit mit ihm verbringst. Zusätzlich kannst Du ihn, falls das möglich ist, ja am Wochenende oder in den Ferien zu Dir holen. Oder evtl. mit ihm als Betreuerin auf eine Freizeit fahren. Damit das aber für Euch beide einigermassen positiv ist, wäre es sehr wichtig, dass ihr im normalen Alltag gut miteinander klar kommt. Das ist auf jeden Fall schon die halbe Miete. Ausserdem wäre es bestimmt hilfreich, Dich im Vorfeld schon an einschlägigen Stellen zu informieren, was besonders wichtig.
Viele Grüsse
Marianne _________________ Marianne, 53, Alois,58, mit Florian, 26, schwere perinatale Asphyxie, weitreichender Hirnschaden, Tetraspastik, Anfallsleiden, geistige Behinderung,seit Dezember 2003 stationär in Wohpflege, Wolfgang, 24, gesund und munter
Die Menschen, denen wir eine Stütze sind, geben uns den Halt im Leben.
Zur finanziellen Situation: Hat Dein Bruder einen SBA? Weil auch dort Vergünstigungen möglich sind.
Ansonsten, welche Form von Autismus liegt denn vor? In wie weit kann Dein Bruder selbstständig Dinge erledigen? Wie reagiert er generell auf Veränderungen?
Mein Ältester, auch in der Pubertät, ist zur Zeit, obwohl nur "leicht" betroffen, sehr schwer zur händeln. Vielleicht schaust Du mal hier unter der Rubrik Autismus, ob Dir hier noch jemand weiterhelfen kann. Auch was das Finanzielle angeht. Oder welche Einrichtung unter Deiner Vormundschaft, für Deinen Bruder das richtige ist?
Denn ein "einfache" staatliche Institution für Behinderte wird dem Störungsbild Deines Bruders bestimmt nicht gerecht.
Liebe Grüße
Anita _________________ *1968
*1966 Mann
*1996 Sohn Asperger ICD-10 F84.5 hoher IQ
*1998 Tochter Verdacht auf Asperger, Knick-Senk-Füße
*2002 Tochter Verdacht auf Asperger, ADS F90.0 G, hoher IQ, starke Brille wegen Hornhautverkrümmung
*2007 Sohn Verdacht auf Asperger Hinzufallen ist keine Schande, liegen bleiben aber schon!!
ich kann mich der Meinung von Marianne nur anschließen.
Wenn dein Bruder bisher noch mit dir im Einklang steht, bisher dir gegenüber noch nicht aggressiv wurde, so kann (muss nicht) sich dies doch ändern, sobald du ihm sagst, was er zu tun oder zu lassen hat. Darunter würde eure Geschwisterbeziehung bestimmt leiden.
Gibt es nicht die Möglichkeit, dass er zusätzliche Betreuung (I-Helfer oder dergleichen) in der jetzigen Wohnstätte bekommt? Dann wären seine Schwierigekeiten vielleicht besser zu händeln und er könnte dort wohnen bleiben.
Frag bei Jugendamt und Sozialamt nach. Sie können dir bestimmt am ehesten wertvolle Tipps geben, wie man dem Jungen und auch dir helfen kann.
Ich finde es trotzdem toll, dass du dich trotz eigener Handicaps, für deinen Bruder einsetzen willst. Aber du bist die Schwester und hast auch Anrechte für dich. Lieber entspannte und gemütliche Schwester-Bruder-Wochenenden, als gleich das volle Programm. Das hilft, so glaube ich, euch beiden mehr.
Sicher hast du auch mit deinem Freund über deinen Plan gesprochen. Sicher wird er dich darin unterstützen wollen. Aber kann er dies auf Dauer beibehalten, wenn der nicht leichte Alltag mit einem besonderen "Schwager" Einzug hält und es nicht nur wegen der Behinderung, sondern auch durch die Puperrtät zu Spannungszeiten kommen wird?
Ich wünsche dir, deinem Bruder und auch deinem Freund das ihr eine gangbare Möglichkeit für alle drei, sehr wichtigen Personen, findet.
Gruß Kerstin _________________ Kerstin (*63) mit Markus(*97), Hydrocephalus mit schwerem Verlauf und Epilepsie und Philipp (*93) 28SSW NEK, jetzt Kurzdarmsyndrom,Nierenproblematik
Ein behindertes Kind ist wie ein krummer Baum - du kannst ihn nicht gerade biegen, aber du kannst ihm helfen, Früchte zu tragen.
ich finde es bewundernswert, dass du dich in so jungen Jahren für deinen Bruder einsetzen willst.
Eine kleine Unterscheidung zum Verständnis: Das Sorgerecht hat erstmal nichts damit zu tun, wo dein Bruder lebt. Das Sorgerecht gibt dir das Recht, darüber zu bestimmen, wo dein Bruder lebt (Aufenthaltsbestimmungsrecht), in welche Schule er geht, welche medizinischen Behandlungen er erhält und wie sein Geld verwendet wird.
Das heißt, du müsstest dich auch um alle Behördengänge und Anträge kümmern. Wie das aussieht, wirst du sicher aus eigener Erfahrung wissen.
Vielleicht gibt es bei euch in der Nähe eine Autisten-Ambulanz. Lass dir auf jeden Fall helfen. Auch wenn du deinen Bruder zu dir nimmst, brauchst du Unterstützung für den Alltag. Sonst kann es ganz schnell sein, dass du ausgebrannt bist. Und das ist weder für dich noch für deinen Bruder gut.
Du kannst dich auch beim Amtsgericht (Vormundschaftsgericht) oder Jugendamt beraten lassen. Informiere dich gut und gründlich, bevor du entscheidende Schritte einleitest und deinem Bruder etwas sagst. Er soll schließlich nicht von seiner Schwester enttäuscht werden.
Ganz viel Kraft für dich.
Lg Lisa _________________ Botho (1962), Lisa (1965), Freya (2007)
Sie ist stark entwicklungsverzögert und hat Pseudo Lennox. Sonst ist sie ein liebes, fröhliches Kind, das uns viel Freude macht.
Hallo!
Aufgrund deiner eigenen gesundheitlichen Probleme würde ich dir auch abraten Vincent zu dir zu nehmen. Ich denke auch nicht, dass du da Sorgerecht bekommen würdest.
Ich würde schauen, dass ihr beide in eine Wohneinrichtung kommt, in der ihr zusammen leben könnt - Tür an Tür und in der ihr Hilfe von einem Dienst bekommen. Das würde ich dem Jugendamt schmackhaft machen, wenn Vincent älter geworden ist und wenn er Tür an Tür mit die leben könnte. Auf jeden Fall wäre diese Wohnform günstiger, aber man muß auch überlegen, wie es für ihn schulisch und ausbildungsmässig weitergeht, wenn er ausgebildet werden könnte. Sonst bleibt nur eine behindertengerechte Einrichtung wie Bethel. Dort könntest du auch leben.
Gruß
Vicky _________________ Mutter eines Asperger Autisten, geb. 1992, mit Teil-IQ 135 - Folge eines tiefen Geburts-traumas nach Not-Kaiserschnitt.
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