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Ann mit Martin (ADHS, Verdacht auf Asperger Syndrom )
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AnnMartin
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BeitragVerfasst am: 13.08.2010, 08:05    Titel: Ann mit Martin (ADHS, Verdacht auf Asperger Syndrom ) Antworten mit Zitat

Hallo, nachdem ich mich hier angemeldet hatte, habe ich einige Zeit hier nur gelesen. Danach dachte ich erst, ich würde gar nichts schreiben, da es hier so viele Eltern/Kinder mit so schwerwiegenden Problemen gibt, die mit bemerkenswerter Kraft ihre Schicksale annehmen ohne zu verzweifeln.
Daher erschien mir unsere Problematik wieder eher banal. Nun habe ich aber weiter gesucht und sehe, dass es hier auch viele gibt, die ähnliche Geschichten wie wir erleben, daraufhin traue ich mich nun doch . . .
Wir sind eine Familie mit 4 Personen – mein Mann und ich – unsere Tochter und unser Sohn. Nach einem langen schweren Weg wird bei unserem Sohn derzeit eine Diagnostik mit Verdacht auf das Asperger Syndrom durchgeführt. Wir wissen nicht, wie es ausgeht. Leider ist es ja schon sehr spät dafür, er wird in diesem Jahr ja schon 22.
Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr mir mit eueren Erfahrungen manchmal raten und helfen könntet.
Liebe Grüße von Ann
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Silke70
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BeitragVerfasst am: 13.08.2010, 08:30    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Ann,

herzlich willkommen hier im Forum! Gut, dass du dich "getraut" hast, du wirst sehen, dass du hier viele Sorgen loswerden kannst und auch viele Fragen beantwortet bekommst, oft allein durchs mitlesen.

Sicher kannst auch du selbst hilfreiche Anregungen geben, denn du hast offenbar einen noch längeren Weg hinter dir, als z.B. ich. Eltern "älterer" AD(H)S-ler trifft man ja leider nicht so oft.

Wenn du magst, würde mich der heutige Stand eures Sohnes interessieren (Schulabschluss, Ausbildung usw.), weil wir da mitten drin stecken. Wie seit ihr auf die Prüfung des Asperger-Verdacht gekommen?

Ich wünsch dir einen regen Austausch hier.

Viele Grüße

Silke

_________________
Silke (*70) mit Mann (*65), Sohn 1 (*91) - ausgeprägtes ADS seit Kindesbeinen, Sauerstoffmangel unter der Geburt, Asphyxie, Atemstillstände und Krämpfe nach der Geburt, Sohn 2 (*03) - ehem. Frühchen, aber topfit
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AnnMartin
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BeitragVerfasst am: 13.08.2010, 08:53    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo,
ich will mal ein bisschen etwas genaueres zu uns schreiben.

Wir hatten eigentlich eine normale Schwangerschaft und Geburt. Dann stellte sich heraus, dass er rechts eine Ohrmuschelfehlbildung/Gehörgangsverengung hat, mit einem Ohranhang und einer kleinen Gehörgangsfistel, was auf Nierenfehlbildung hindeutet. Die Untersuchungen dann später haben aber nichts ergeben – alles normal.

Im 1. Lebensjahr entwickelte er sich ganz gut, allerdings ist er schon im 1. Monat 9 cm gewachsen, woraufhin er immer lang, dünn und zart aussah uns wirkte, als wäre er altersgleichen Kindern etwas zurück, das lag aber daran, dass er immer etwas älter/größer aussah. Er hat aber auch, besonders nachts, viel geschrieen, aber das haben wir als normal angesehen – so ist das eben, wenn man Kinder hat.

In den ersten 3 Lebensjahren entwickelte sich Martin eigentlich normal, wenn man von vielen Infektionen absieht – Angina, Mittelohrenentzündungen bis hin zu einer Lungenentzündung – Martin war praktisch gar nicht viel in der Kinderkrippe – aber dort gab´s keine Probleme.

Los ging´s dann im Kindergarten, wo mit 3 Jahren die Kinder ja eigentlich anfangen, miteinander zu spielen. Daran hatte er wenig Interesse, auch gar nicht an Gruppenspielen – so im Kreis und Riegenspiele im Sport usw. Er hat dann entweder gestört oder sein eigenes Ding gemacht. Da gab es dann regelmäßig Ärger – ich war schon satt, wenn ich zum Abholen kam, rannten gleich immer ein paar Kinder auf mich zu : „der Martin hat heute wieder das und das gemacht“.

Zu der Zeit wurde auch sein Schlafverhalten immer problematischer, abends kam er praktisch ewig nicht zur Ruhe, das geht bis heute so und nach dem Mittagsschlaf im Kiga z.B. konnte er ewig mit dem Hemdchen in der Hand dasitzen und starren, die anderen haben dann schon gevespert.
Ich habe ihn dann so gut es ging als Mittagskind versucht abzuholen, damit er nicht erst schläft und dann ewig nicht in die Gänge kommt und abends wieder . . . Außerdem war er leider auch sehr lange beim schlafen nicht trocken – das ging insgesamt genaugenommen bis er 14 Jahre alt war.

Mit 5 waren wir das 1. mal im SPZ, wo man den Verdacht auf ADHS äußerte und man würde sich grundsätzlich vor Schulbeginn nicht festlegen. Beim Schuleintritt wurde es ganz schlimm – schon am 1. Tag ! rotes Hausaufgabenheft – er hatte die Tür zur Toilette so hin und her geschwungen, ( weil es so schön Wind macht“ ! ) ein Mädchen hat sie an den Kopf gekriegt – Beule – Blumenstrauß zur Entschuldigung gekauft . . .
Bald darauf war ein weiterer Besuch im SPZ fällig, mit Ritalin wieder heimgekommen, was auch wirklich erst mal ein Segen war, weil sich sofort eine deutliche Besserung in der Konzentration einstellte. Sein Sozialverhalten blieb skurril und der Ärger darüber auch.

Zu der Zeit hatten wir aber auch eine ganz blöde Klassenlehrerin und eine ebensolche Horterzieherin – die hat mir mal gesagt: zwei Wochen bei ihr und M. wäre „geheilt“ – ich daraufhin gesagt, dass ich kein Interesse habe aber vielleicht unser Pfarrer, der hat einen Sohn mit ADHS und leichter geistiger Behinderung – der würde sich über eine solche Unterstützung sicher freuen – na ja – Ärger also vorprogrammiert.

Fachlich ist er aber gut mitgekommen, hat wie so nebenbei alles gelernt. Es gab dann auch noch wirklich unschöne Vorfälle – einen mal kurz: Lehrerin belehrt, dass Tür zuwerfen verboten ist, M. hatte sie FRÜH zugeworfen, Kinder petzen ihr vor der 4. Std. „M. hat nach der Hofpause. . .“ er dazu befragt – nein hab ich nicht ( war ja FRÜH ) Lehrerin immer weiter auf ihn eingeredet ( war in Religion „DU SOLLST NICHT LÜGEN“ in lautem Ton ) M. sich hinter dem Vorhang in der Klasse versteckt – alles ging weiter – er ausgebüxt – Klasse und Lehrerin hinterher – Schulleiterin hat dann gesehen, wie er schreiend über den Schulhof lief und sich unter den Fahrradständern verstecken wollte - und hat zum Glück das Treiben beendet.

Bald danach haben wir ihn in die KJP einweisen lassen ( Anfang Kl. 4 ), weil wir immer noch keine schriftliche Diagnose hatten und nicht mehr weiter wussten. So nun erst mal Schluss, wenn ihr wollt, schreibe ich später weiter – leider kann ich mich nicht so kurz fassen, da ich denke, dass ich das AS wohl auch habe – das lerne ich alles jetzt im letzten halben Jahr.
VLG Ann
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Silke70
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BeitragVerfasst am: 13.08.2010, 09:57    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Ann,

oh weh, beschreibst du da meinen Sohn? Jedes Wort passt, von Anfang an. Es ist so traurig, dass so viele Kinder und junge Menschen das gleiche aushalten müssen... Und wir Eltern eben mit.

Na klar interessiert mich eure Geschichte, vor allem möchte ich ja wissen, wo ihr heute steht, da gehört der Anfang dazu, um richtig einordnen zu können. Unsere "Geschichte" ist ja inzwischen auch kilometerlang.

Viele Grüße

Silke

_________________
Silke (*70) mit Mann (*65), Sohn 1 (*91) - ausgeprägtes ADS seit Kindesbeinen, Sauerstoffmangel unter der Geburt, Asphyxie, Atemstillstände und Krämpfe nach der Geburt, Sohn 2 (*03) - ehem. Frühchen, aber topfit
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AnnMartin
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BeitragVerfasst am: 14.08.2010, 16:55    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo, jetzt habe ich ein bisschen Zeit und schreibe weiter.

Die KJP dauerte insgesamt fast 5 Monate – weswegen wir Martin dann im Halbjahr der 4. Klasse ins Halbjahr 3. Klasse zurückversetzen ließen. Das war insofern gut, als dass wir dann eine viel besserer Grundschullehrerin als vorher hatten.
Die KJP war nix – wir hatten dann zwar die Diagnose F90.0 für ADHS, aber man sagte uns – es wäre alles irgendwie noch unklar – man wäre „gespannt“ auf die weitere Entwicklung.

Aus heutiger Sicht spricht insbesondere der psychologische Abschlussbericht Bände: ich zitiere mal daraus – wenigstens den Anfang:


Bei dem körperlich leicht akzelerierten 10jährigen Jungen wurde nach stat. Aufnahme zunächst die ambulante Therapie mit Ritalin fortgesetzt. Der Patient (P) fiel durch Umtriebigkeit auf Station auf . . . in der Selbstbedienung, vor allem bei den Mahlzeiten und bei der Körperhygiene reagierte er hingegen erheblich verlangsamt u. verträumt. Es ergaben sich aber weder klinisch noch im EEG Hinweise auf Absencen.

Abends wurden Einschlafstörungen mit langen Selbstgesprächen ( im Viererzimmer !!! ) oder Vorsichhinsummen registriert.
Manche seiner skurrilen Verhaltensweisen i. Äußerungen muteten autistisch, manche soger präpsychotisch an, wieder andere stark regressiv, kleinkindhaft.
Anfangs wirkte der P. intelligenzgemindert – jedoch konnte durch die psychologische Diagnostik Normintelligenz bestätigt werden.

Zunächst mehr aus diagnostischen Gründen setzten wir Ritalin im Einverständnis mit den Eltern ab, obwohl diese sehr positive Ergebnisse registriert hatten. ( VON JETZT AUF GLEICH !!!! – OHNE AUSSCHLEICHEN )
Seitens unserer Klinikschule wurden danach tatsächlich ungünstige Auswirkungen auf Arbeitsvollzug, Leistungsfähigkeit und Sozialverhalten registriert.
Deswegen entschlossen wir uns, die Stimulanzientherapie wieder zu beginnen.
Während des stat. Aufenthaltes nahm der P. regelmäßig an den wöchentlichen Gruppengesprächen teil, konnte sich aber wenig auf andere Kinder einstellen. In der Kreativtherapie arbeitete er sehr verlangsamt, aber dennoch kreativ, benötigte jedoch Hilfe.

Beim Schwimmen und Reiten u. der Tanztherapie ( ??? ) beteiligte er sich zunächst zurückhaltend, fiel mehrfach durch sonderliche Reaktionen oder Äußerungen auf.

Neben all den Persönlichkeitsbesonderheiten des 10jährigen Kindes registrierten wir von Beginn an einen sehr hohen Leidensdruck der Eltern, welchen sie vordergründig mit außerfamiliären Konflikten begründeten. ( ich denke, jeder von euch kann das nachvollziehen – umsonst gibt man sein Kind nicht so lange in die KJP )

Allerdings waren sowohl die Eltern-Kind-Interaktionen als auch Telefonate und Gespräche mit uns überaus sprachintensiv und „psychologisierend“. ( Mir wurde es später z.B. vorgeworfen: ich hatte dort erzählt, dass ich M. seine Störung so erklärt hatte: in deiner Stirn sitzt eine Telefonistin, die arbeitet nicht so richtig gut, normalerweise muss sie auswählen – wichtig – ins Großhirn sofort, unwichtig – löschen, kann warten usw. - bei „dir“ schickt die alles sofort an den „Chef“ weiter und der Chef hat dann Stress . . .)


Nun muss ich, denke ich, nicht weiter viel schreiben, wie das Ganze verlaufen ist – die Eltern sind also schuld – es kommt dann weiter unten noch der Satz:

“Bekanntermaßen kann hyperkinetisches Verhalten auch oft milieugraviert sein, insbesondere durch overprotektives elterliches Verhalten . . .“

Jedenfalls hatte mein Mann ( und ich eigentlich auch ) nach dieser Luftnummer dermaßen die Nase voll, dass wir uns über sehr sehr lange Zeit auf uns besinnt und den Sohn von Therapeuten ferngehalten haben.

Jedenfalls war das einzige, was wir danach wussten:

- M. hatte auch neben der Ohrmuschelfehlbildung eine Schädigung des Hörnervs im Innenohrbereich und:

- das schreib ich mal, wie´s hier steht: das EEG zeigte bei noch altersentsprechender Grundaktivität Hinweise für disktrete Störungen tieferer Hirnstrukturen sowie für diskrete fokale Störungen fronto-temporal, so dass bildgebende Diagnostik bei der weiteren Abklärung helfen soll es fanden sich keine epileptiformen Muster - altersentsprechendes unauffälliges CCT

* vielleicht kann hier jemand, der sich damit auskennt, mal seine Meinung dazu schreiben*

Diese wie auch die autistische Züge wurden in keinster Weise mit uns besprochen oder erläutert – aber – ich schrieb ja schon: wir waren ja „Labersäcke“, die alles ganz genau wissen wollten und von der Masse der Eltern ( leider oft Milieugeschädigten Kinder ) sehr verschieden.

Als uns M. bei einem Wochenendbesuch bei uns berichtet hatte, dass auf dem Weg zur Klinikschule ( alles abgezäunt!!! ) immer Ältere Zigaretten haben und er dort auch geraucht hat, brannte die Luft !!!!

Nicht zu erwähnen will ich vergessen, dass dieser Bericht ÜBER EIN JAHR nach der Entlassung erst nach mehrmaliger Aufforderung bei unserer Kinderärztin ankam!

So nun erst mal gut – später mehr

VLG Ann

_________________
M. geb.1988, F84.9 - Tiefgreifende Entwicklungsstörung
T. geb. 1995, gesund
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Silke70
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BeitragVerfasst am: 16.08.2010, 07:17    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Ann,

so eine Odysse in der KJP haben wir ja auch hinter uns, allerdings war mein Sohn das schon älter. Aber auch bei uns reduzierte man dann alle Probleme auf uns Eltern. Man nahm unsere Kindheit heran und unsere innerfamiliären Beziehungen, die im übrigen völlig normal waren und Sinn. Familie eben... Dass vieles erst so angespannt wurde eben durch die Besonderheiten unseres Sohnes....

Nie, wirklich niemals wurde darauf eingegangen, dass er einen in der Dauer nie bezifferbaren Sauerstoffmangel sowohl während der Geburt (vermeidbar durch rechtzeitigen Kaiserschnitt) als auch nach der Geburt (durch Atemstillstand im Kinderzimmer - warum war er da nicht schon überwacht, obwohl da schon auffällig?) erlitten hat und daher die Auffälligkeiten rühren "könnten". Nein, grundsätzlich sind wir als Eltern schuld. Ich darf mich da nicht reinsteigern...

Auch so ein komisches EEG hatten wir mal, wo dann stand, "...könnte auf Hirnschädigung hinweisen, solle beobachtet werden". Später bekamen wir dann keine Berichte mehr. Crying or Very sad

Wie sieht es bei euch heute aus?

Viele Grüße

Silke

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AnnMartin
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BeitragVerfasst am: 16.08.2010, 15:45    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo, dann will ich jetzt mal noch den Rest schreiben.

Martina ist dann wie gesagt ein Schuljahr zurückversetzt worden, da er ja so lange gefehlt hatte. Mental war er ja auch eher wie ein jüngeres Kind. Mit der neuen Klassenlehrerin hatten wir mehr Glück. Kann sein, dass es auch daran lag, dass wir die Schulleiterin und die Beratungslehrerin auf unserer Seite hatten, die nun doch gemerkt haben, dass etwas in der alten Klasse richtig schief gelaufen war und wohl doch nicht an uns liegt.

Schwieriger wurde dann der Wechsel auf die Mittelschule. Gymnasium hat er nicht geschafft: Mathe war da noch die 3 weil er einfach nie fertig geworden ist. Es hätte ihn vielleicht auch überfordert, dachten wir damals – heute bin ich mir da nicht mehr so sicher.

Leider sind die übleren Typen mit an seine Schule gewechselt und so war er jahrelang schlimmem Mobbing ausgesetzt. Etwas besser wurde es ab Kl 9, da haben wir ihn in eine Parallelklasse wechseln lassen, um die ärgsten Peiniger etwas loszuwerden – und dann hatte er endlich so was wie einen Freund in dieser Klasse gefunden – dazu schreibe ich später noch was.

Nach der 10. Klasse ist er auf eine Fachoberschule (FOS) gegangen – einfach, weil er überhaupt keine Vorstellungen von einem Beruf hatte. Er dachte, er könne gut Computer reparieren und das würde er dann nach der Schule machen, ohne Beruf. . .

Er hat dann in 2 Jahren das Fachabi gemacht OHNE IRGENDWAS zu lernen, ich dachte ich dreh durch in dieser Zeit – gut war der Abschluss nicht, aber lange dachte ich er schafft das so nicht oder wird gar nicht erst zur Prüfung zugelassen.

Danach wollten wir ihn ins Ausland gehen lassen, weil wir dachten, er müsse sich mal abnabeln und sich nicht immer auf uns verlassen. 1 Jahr Work&Travel in Dublin – das hat gar nicht geklappt – nach 8 Wochen haben wir ihn wieder nach hause geholt. Da war die Sprachschule zu ende und er sollte sich in der Zwischenzeit bewerben – im Handel und Gastgewerbe. Da haben wir dann hinterher erfahren, dass er NUR nach Stellen in Großmärkten, die eine Leergutabteilung hatten gefragt hat. ( Als solches hat er in der 11./12. Klasse hier im Ort gejobbt und hatte „seine Ordnung“. )

Auch ist er dort ebenfalls als etwas seltsam aufgefallen, weniger in der Gastfamilie, die hatten 4 Gäste und waren nicht am Kontakt/ nur am Geld interessiert, vielmehr in der Sprachschule – allerdings war es ein Vorteil, dass dort die ganze Kommunikation auch unter Deutschen von Anfang an nur auf englisch lief – und da fällt das dann auch nicht so sehr auf, da findet so mancher nicht das richtige Wort.

Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass er auch in der FOS in kurzer Zeit zum Mobbingopfer wurde. Wir haben da noch mit ihm geschimpft, weil er immer sagte: ja, bei den anderen bin ich abgestempelt, ich kann machen was ich will . . . Und wir haben gesagt, gut, dann mach das an der neuen Schule, wo dich keiner kennt von Anfang an anders und besser . . .

Jedenfalls - seit Dublin bewirbt er sich jetzt – er schafft immer die Tests recht gut, aber sobald es zum Vorstellungsgespräch kommt, wird er wieder heimgeschickt mit den besten Wünschen . . .

Einmal hat er auch gesagt gekriegt, dass er so theoretisch und auswendiggelernt rüberkommt, aber so redet er nun mal – ein bisschen stockend und wörtersuchend manchmal ansonsten aber fließend und professorhaft. Da nehmen sie eben lieber einen anderen.

Ich habe dann mal selber beim Arbeitsamt wegen ADHS angefragt, da wussten sie das noch gar nicht, er hatte nichts erzählt und zappeln tut er ja eh schon lange nicht mehr.

Es wurde eine Reha-Untersuchung vom AA angeordnet, dort wurden die bekannten Defizite auch genannt – aber mit Hinweis auf die laufende Diagnostik in der Aut.-Amb. soll nun erst mal abgewartet werden.

Die Diagnostik wird sich noch bis September hinziehen. Im Mai haben wir angefangen. Im Januar um Termin gebeten und müssen froh sein, dass wir „schon“ dran sind da können wir nicht meckern, dass es sich so hinzieht.
Ist mir aber schleierhaft, wie die verschiedensten Personen, die dabei mit ihm und uns zu tun hatten, im Sept. noch wissen wollen was im Mai war!

Im letzten Jahr war er bei einer Psychologin ( wg. Der Einschlafstörung und absoluten Problemen früh pünktlich aufzustehen – zum Glück war er in Dublin in der Nachmittagsgruppe der Sprachschule – sonst wäre er wohl noch eher wieder zu hause gewesen – wir hatten gehofft, dass es nun endlich einmal klappt wenn er auf sich allein gestellt ist ), dann noch bei einer Art Kreis-Sozialarbeiter und von dem zu einer Amtspsychologin im Landratsamt geschickt worden – weil wir uns absolut Sorgen gemacht haben.

So ohne Aufgabe und Ziel, immer ein bisschen einsam und zurückgezogen, ewig am Laptop, den alten Mobbing-Frust – und dann liest man ständig von solchen Amokläufern, das liest sich ja ähnlich.

Die Psychologin arbeitete mit ihm 1 mal alle 14 Tage an seiner „Motivation“, früh aufzustehen und immer wenn ich bei M. nachgefragt habe kam: wir haben noch keine starke Motivation gefunden!!!
Ich habe gekocht!! Wenn das kein starkes Motiv ist, dass ich nach Dresden fahren muss und mich bei der Telekom als IT-Systemelektroniker bewerbe ( sein Traumberuf )!!!

Letztendlich habe über Weihnachten im Internet recherchiert und alle die seltsamen Wesensarten der letzten Zeit eingegeben um zu sehen, ob ich selbst noch was anderes tun kann und da: Asperger Syndrom!! Ich dachte, die haben bei uns viele Jahre hinter dem Spiegel gestanden.

Nur mal so ein paar Beispiele aus Vergangenheit und Gegenwart:

Einen längeren Zeitraum hat er mit den Händen gespielt, so ganz bizarr die Finger immer aneinandergelegt – die Hände waren die Vögel und er konnte sich auch lange mit ihnen unterhalten ( das hat er noch in der KLP gemacht, da war er 10 ).

Viel hat er auch Märchenkassetten gehört usw. und dann immer wieder ein und dieselbe und er konnte dann schon bald mit verschiedenen Stimmlagen alles auswendig ( das begann dann schon so mit 3-4 Jahren. )

Er hatte und hat viele fein- und grobmotorische Schwierigkeiten, zB hat er gaaaaanz lange gebraucht zum Fahradfahrenlernen, wenn er aber irgendwas irgendwann konnte, dann war es wie eingebrannt, zB hab ich ewig gebraucht ihm beizubringen, dass er Hausschuhe anzieht aber irgendwann und bis heute ist es für ihn ohne undenkbar. Ballspiele und alle Mannschaftsspiele waren ( trotz guter Intelligenz ) für ihn nicht realisierbar – er konnte sich zB nie merken, wer in seiner Mannschaft ist und auf welches Tor jetzt gerade gespielt wird, da hat man ihn dann beim Fußball immer ins Tor gestellt und dort wars dann gut ( Ball kommt ja nur noch von vorne ).

Er hat eigentlich meistens so eigenbrödlerisch für sich alleine rumgekramt, auch wenn andere Kinder dagewesen wären zum spielen. Nach Jahren ( da war er wohl schon 6. oder 7. Klasse ) hatte er erstmalig einen Freund – auch so ein seltsames Kind – ich habe dann mal geguckt, was sie in seinem Zimmer taten und da saß jeder in einer Ecke und hat Gameboy gespielt.
Bald darauf haben die beiden dann angefangen Computer aus Einzelteilen zusammenzuschrauben, aufzurüsten, Netzwerke zu errichten und so Kram.
Der Informatiklehrer ihrer Schule ( der die beiden Freaks sehr schätzte ) hat ihnen dann einen Raum zur Verfügung gestellt für ihre „Computer-AG“ ( die nur aus den beiden bestand ). Noch heute haben wir massenhaft Kisten mit diesem Kram bei uns und bei den Großeltern stehen – nichts darf weggeschmissen werden genauso wie in seinem Zimmer alles seit Jahren an seinem gleichen Platz steht.

Er trägt keine Oberteile mit Knöpfen/Reißverschlüssen, und in der Regel sind diese Oberteile rot. Hosen müssen hellblaue Jeans sein – kauft er dann gleich 2 gleiche.

Zieht sommers wie winters seinen Adidas-Anorak an – ich muss ihn im Sommer regelrecht wegschließen.

Isst wenige verschiedene Sachen, am liebsten Nudeln mit Tomatensauce – kocht die auch selbst und wehe, ich mach eine andere Soße, dann muss er neu kochen, kann er nicht so essen ( nicht immer aber manchmal ).

Ist manchmal auch was anders gerne zB Fischstäbchen, dann aber 3-4 Tage hintereinander dasselbe.

Hat noch nie was mit Kohlensäure getrunken, trinkt Eistee/Pfirsich vom Netto, Apfelsaft ( am liebsten von hiesiger Kellerei Neubert – wenn alle dann Diskussion ) und Hasseröder.

Ich hoffe ihr könnt meine riesen Roman trotzdem lesen – nun ist ja das wichtigste geschrieben und das nächste mal wird’s wohl kürzer. Es tut aber gut, mal alles aufzuschreiben.

VLG Ann
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MarkusB.
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BeitragVerfasst am: 16.08.2010, 17:08    Titel: Re: Ann mit Martin (ADHS, Verdacht auf Asperger Syndrom ) Antworten mit Zitat

Hallo Ann,
herzlich willkommen im REHAkids-Forum! beck

AnnMartin hat folgendes geschrieben:
Leider ist es ja schon sehr spät dafür, er wird in diesem Jahr ja schon 22.

Ich bin auch erst spät diagnostiziert worden. Genaugenommen musste ich selbst darauf kommen, weil die meisten Ärzte auch heute noch nicht viel vom Autismusspektrum wissen. - Insgesamt positiv wirkt sich ein passendes bzw. wohlwollendes Umfeld aus. Das habe ich in der Schule und später im Beruf immer wieder gesehen.

_________________
Liebe Grüße
Markus

Ich bin übrigens der Asperger-Autist, der auf dem Avatar zu sehen ist. Das war ich 1981 im Alter von 6 Jahren.
Weitere Infos in meiner Vorstellung. | Mein Projekt: Infos und Adressen zur Autismusdiagnostik.
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christina g
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BeitragVerfasst am: 16.08.2010, 19:47    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo AnnMartin,

jetzt musste ich schon etwas schmunzeln, obwohl ich weiß wie anstrengend es ist, wenn man nicht weiß, was mit seinem Kind los ist.
Aber was Du so beschreibst entspricht voll und ganz dem Verhalten unserer erst 4 1/2 j. Annika. Die bevorzugte Farbe hat von grün nun in lila gewechselt. Zum Glück müssen jetzt nicht mehr Geschirr und Besteck lila sein.
Als alles grün sein musste habe ich ihr beim IKEA Plastikbesteck und -geschirr gekauft.
Knöpfe und Reißverschlüsse an Oberteilen gehen auch nur in Außnahmefällen (Knöpfe "verkaufe" ich ihr als schmückend).
Ihre Oma schenkt ihr jedesmal bsw. Kapuzen-T-Shirt, was Annika einfach stört.
Mit dem Essen ist es nun etwas besser geworden, vor allem die Essenmengen sind nun ok, aber sie braucht ca. 10 Minuten, um einen Anfang zu bekommen. Als Baby und kleineres Kind wussten wir fast nicht, wann sie wirklich Hunger hat, weil sie es nicht geäußert hat.
Motorisch ungeschickt ist sie auch. Mit dem Laufradfahren ist sie etwas sicherer geworden seit sie eine Brille hat (aber kein Vergleich zu anderen Kindern).
Auf Zehenspitzen läuft sie fast immer.
Sie hatte fast keine Babysprache, sondern sprach mit 1 Jahr schon 2-3-Wortsätze.
Mit den Händen flattert sie nicht, aber sie hatte eine längere Phase als Baby, in der sie mit dem Oberkörper hin-und hergewackelt hat, und das beobachten wir nun wieder, wenn sie ausgeglichen ist z. B. beim Anschauen eines Buches.
Sie läuft auch häufig im Kreis, wenn sie freudig aufgeregt ist.
Und ausflippen kann sie super, so das man schon mal gerne im Boden versinken möchte, wenn das in aller Öffentlichkeit ist.
Hörbücher mag sie auch sehr und kennt alles auswendig.
Mein Mann war auch so als Kind. Seine Eltern durften eine Geschichte nur im genauen wortlaut wiedererzählen, sonst hat er sie verbessert und sich aufgeregt.
Er konnte auch nicht essen, wenn Krümel um seinen Teller herum lagen.
Außerdem hat er bis zu 4 Liter Milch getrunken. Seit 6 Monaten trinkt er keine mehr und ist auch keinen Joghurt; so geht es ihm besser. Der Auslöser war, dass bei unserer kleineren Tochter eine Allergie auf Milcheiweiß festgestellt wurde.
Ich habe es schon lange bei ihm und Annika vermutet.
Richtige Freunde hatter er auch nicht, erst später als er an eine naturwissenschaflich spezialisierten Schule war und dort im Internat wohnte. Tja heute ist er studierter Mathematiker mit "Dr." und ohne dass er viel dafür tun musste. Seine/ unsere Freunde sind überwiegend "komischer " Natur, aber liebenswert.
Ich rege mich immer wieder über ihn auf, aber missen möchte ich ihn nicht!
Annika erinnert mich auch immer wieder an "Monk" oder an "Bones" (US-Serien).


Liebe Grüße
Christina
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AnnMartin
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BeitragVerfasst am: 17.08.2010, 13:55    Titel: Antworten mit Zitat

@Christina, ja nicht wahr, wenn man verschiedene Dinge dann so hinnimmt und schon selber verinnerlicht hat, so dass man sie gar nicht mehr hinterfragt, das ist schon komisch.

Übrigens hab ich mal vor kurzem gelesen: man nennt mitunter die Mathe/Informatik-Fakultäten an Unis auch "Autistentempel" - ich bin übrigens auch Mathematiker . . .

LG Ann

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