Verfasst am: 15.11.2005, 23:29 Titel: General Movement – Ein Erfahrungsbericht
Anfang November habe ich zusammen mit einer Kollegin meiner Praxis und ca. 50 Kinderärzten und Kinderphysiotherapeutinnen aus der Schweiz im Kantonsspital Luzern an einer Fortbildung mit dem Thema: „Prechtl’s Methode zur qualitativen Analyse der General Movements“ teilgenommen.
Professor Prechtl – der aufgrund gesundheitlicher Probleme leider nicht anwesend sein konnte (ich hätte ihn gerne kennengelernt…) – ist Honorarprofessor an der medizinischen Fakultät der Universität Graz/Österreich (Link: http://www.meduni-graz.at/systemphy.....physiologie/arbb/eun.html)
Nun sind es aber nicht die Veröffentlichungen allein, die einem zu Rang und Namen verhelfen, sondern die Tatsache, Dinge aus dem Bereich der Medizin und Wissenschaft einem breiten Publikum möglichst alltagstauglich nahe zu bringen um diese dann in der täglichen Praxis an den Patienten zu deren Wohl anwenden zu können.
Aus diesem Grunde habe ich und eine Kollegin meiner Praxis beschlossen, uns die oben genannte Methode der General Movements anzusehen, anzuhören und zu erlernen. Dies vollzog sich in einem Hörsaal der Kinderklinik des Kinderspitals Luzern und hat uns sehr viele neue Erkenntnisse aus dem Bereich der Diagnostik bei Frühchen und Säuglingen mit zu erwartenden neurologischen Defiziten gebracht.
Zur Methode:
Die General Movements basieren auf der Analyse aktiver spontaner Bewegungsmuster. Die neurologischen Fähigkeiten eines hochkomplexen Nervensystems werden seit langem anhand der Reflexaktivität und deren Reaktionen getestet. Ohne wirklich aussagekräftige Ergebnisse aus der Analyse dieser Reflexbeurteilung in Bezug auf die zu erwartenden neurologischen Defizite eines Kindes ist die Diagnostik von Frühchen und Säuglingen anhand der Spontanaktivität des Nervensystems sehr Erfolg versprechend. Dies geschieht anhand genau vorgegebener Bewegungsmuster. Die Kinder werden in bestimmten Abständen mittels genau definierter Videoaufzeichnungen gefilmt und diese werden dann anschließend auf das Vorhandensein entsprechender ausgewertet. Durch die Kontinuität der aufeinander folgenden Aufzeichnungen kann man dann eine Aussage treffen, in welcher Art ein mögliches neurologisches Defizit Auswirkungen auf die senso-motorische Entwicklung nimmt. Die zu dieser Methode weltweit durchgeführten Studien belaufen sich auf 15 an der Zahl. Dabei wurden 466 Säuglinge untersucht und es kam zu einer Übereinstimmung im Sine der Objektiven Beurteilung aller Untersucher von über 93%. Das heißt: Diese Methode stellt einen wichtigen Meilenstein im Rahmen der Diagnostik von Frühgeburten und Säuglingen dar, deren Entwicklungsverlauf durch eine mögliche vorhandenen neurologische Diagnose untermauert werden soll bzw. deren Verlauf im Sinne der Entwicklung einer Cerebralparese beurteilt werden soll.
Inwieweit diese Methode auch in Deutschland erfolgreich angewendet werden kann, wird sich durch den zunehmenden Einsatz in Zukunft erst noch erweisen. Ich als Physiotherapeut stehe – wie es der Geist des Berufes erfordert – allen Methoden die neu sind zunächst kritisch gegenüber. Die Art der Darstellung bei der Fortbildung und das dazu dargelegte Hintergrundwissen inklusive der wissenschaftlichen „Tiefe“ haben mich/uns aber überzeugt und wir werden diese Methodik nach Bedarf anwenden. Ich werde dann zu gegebenen Zeitpunkt darüber berichten.
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Andreas Bourani "Wunder"
Zuletzt bearbeitet von Tobias am 16.11.2005, 20:37, insgesamt 4-mal bearbeitet
vielen liében Dank für deinen Erfahrungsbericht.Ich bin sehr gespannt wie das oder du es dann in der Praxis umsetzen wirst.
Bei welchen Diagnosen,oder Störungen würde man es denn och anwenden ?
Gruß nach Hamburg,
Beate _________________ ..es gibt nichts,was uns die Abwesenheit eines geliebten Menschen ersetzen kann;und man soll das auch gar nicht versuchen,man muss es einfach aushalten und durchhalten;das klingt zunächst sehr hart,aber es ist doch zugleich ein großer Trost,denn indem eine Lücke wirklich unausgefüllt bleibt,bleibt man durch sie miteinander verbunden.D. Bonhoefffer
man kann die Diagnostik anhand der General Movement mit JEDEM Kind machen. Es eignet sich natürlich besonders für Frühchen und Kinder mit bekannten Neurologischen Diagnosen.
Es geht ja darum, anhand der Analyse dieser spontanen Bewegungsmuster eine genaue Aussage über den möglichen Verlauf der kindlichen Entwicklung treffen zu können.
Aus ärzlicher Sicht geht es sicher auch darum, festlegen zu können, ob ein Kind Therapie braucht oder nicht! Aus therapeutischer Sicht geht es aber um viel mehr, denn es wird sich bei Notwenigkeit zur Therapie nichts an der Art der Therapie ändern! Es geht aus meiner (therapeutischen) Sicht darum, mir im Vorfeld Gedanken machen zu können, in welche Richtung wird sich das Kind entwickeln und ob man um diese Entwicklung besorgt sein muss oder nicht!
Zudem halte ich den Gedankenansatz der spontanen Bewegungsmuster für sehr sehr wichtig! In einer Zeit in der zunehmend Tests verlangt werden und in der man immer wieder auf die Reflexe/Rektionen zurückgreift ist es sehr wichtig, dem entwas entgegen zu halten! Es geht nicht darum, die Reflexe über Bord zu werfen (ich teste sie selber bei Bedarf!) sondern vielmehr um eine wissenschaftlich anerkannte Sichtweise, die den Focus mehr auf die Variablität des Nervensystemes und seiner Fähigkeit zur Plastizität hinweist, als auf die "stupide" Anaylyse von Reflexen. Dass soetwas im Zeitlalter von INPP und ähmlichem nicht unwichtig ist, kann man schon daran erkennen, dass die Frühchen sich auf hochkomplexe Art und Weise bewegen.
Die General Movements hat JEDES Kind. Es geht nur um die Frage: Normal oder Abnormal? Und wenn Abnormal, dann weiterhin: in welcher Form abnormal und mit welcher Konsequenz?
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Andreas Bourani "Wunder"
könnte es sein, das ein sehr erfahrener Kinderphysiotherapeut dies schon intuitiv praktiziert, so schien es mir jedenfalls bei unserer Therapeutin zu sein. Bisher entwickelt sich unser jüngstes Kind genau so wie sie es vorhergesagt hat, sie meint er hätte noch viel Potential, am Anfang sah die Sache allerdings ganz anders aus, erst im Laufe der Behandlung, wurde ersichtlich das da mehr geht.
Es wäre schon toll, wenn sich ein paar Standards durchsetzen würden, dann würde vielleicht effektiver den Kindern geholfen werden.
Finde ich gut das Du Dich so kritisch mit den Dingen auseinander setzt, lese Deine Beiträge immer gerne und mit Gewinn.
an der Fortbildung in der Schweiz haben 54 Menschen teilgenommen. 5 deutsche KG's (2 aus Praxen/3 aus deutschen Unikliniken) und der Rest waren schweizer Kinderärzte und Kinderphysiotherapeuten. Alle sagten, dass es absolut neu ist, was sie da gesehen haben!
DIe Bewegungen,die man dort analysiert sind nicht zu vergleichen mit der Beobachtung von Spontanmotorik eines Säuglings. Daher soll man diese ja auch filmen, was sehr viel Sinn macht! Die Bewegungen werden mit bestimmten Namen bezeichnet (Writhing Movements / Abnorm Writhing Movements / Cramped Movements / Chaotic Movements / Fidgety Movements etc.) und stehen ganz komplex für sich und das jeweilige Alter des Kindes. Allerdings machen sie in aller erster Linie eine Aussage über den Reifungszustand des Gehirnes. Demzufolge kann man bei einem Säuglinge (ohne diese Fortbildung gemacht zu haben) auch einiges erkennen (z.B. Überstreckungstendenzen) aber viele betroffenen Kinder machen das im ersten 1/2 Jahr ja gar nicht! Daher muss man die Spontanaktivität des Gehirnes anhand der Spontanen Bewegungsmuster analysieren.
Danke für dein Posting, wenn noch Fragen sind, immer her damit.
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Andreas Bourani "Wunder"
ich finde sowas ja interessant aber ich bin mehr an "Meilensteine" in Sachen Therapie interessiert.
Was bringt eine noch genauere Diagnostik wenn sich an der Therapieform zum Schluss eh nichts ändert?
Natürlich für die Forschung ist das hochinteressant aber ich sehe noch keinen Nutzen für die Betroffenen. Oder soll dadurch erreicht werden das den Kindern früher die passendere KG zugeführt wird?
Gruß
Tomas _________________ First comes love and then comes pain. Let the games begin,...
die Sache mit den Meilensteinen geht Dir genauso wie mir! Es ändert sich in sofern nichts ander Therapieform, das man (wenn man per Diagnostik durch die GM (=General Movements)) erkannt hat, dass ein Kind eine Hemiparese entwickelt, natürlich alles mögliche an Therapie tun muss, um gezielt diese Hemiparese zu verbessern. Das gilt auch für den möglichst frühen Therapiebeginn!
Aber: ich muss natürlich erst mal erkennen, ob es eine Hemi, Tetra, Diparese oder eine Athetose oder sonstetwas wird. Das heisst: eine Hemibehandlung unterscheidet sich zum Teil erheblich von einer Tetra-Behandlung etc.
Es soll demnach - wie Du es schreibst -
Zitat:
den Kindern früher die passende KG zugeführt werden
!
Eine wiklich spannende Sache. Wir probieren das in Kürze bei dem ersten Frühchen aus einem benachbarten Kinderkrankenhaus aus. Mit großer Spannung und Freude.
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Andreas Bourani "Wunder"
der wesentliche Unterschied zur Diagnostik nach Vojta liegt darin, dass man bei allen anderen Untersuchungstechniken manipulativ (also von außen in kommend) an den Patienten herangehen muss. Das heisst, ich muss ihn anfassen und mit ihm einen Test durchführen. Auf der anderen Seite wird bei der Testung der General Movements das Kind nur ausgezogen (bis auf den Body oder die Windel) und dann in einer "normalen" Umgebung gefilmt in verschiedenen Zeit-Abständen. Anschliessend werden dann die Videos ausgewertet und das kann von jedem darin ausgebildeten Therapeuten/Arzt geschehen.
Diese Aussagen beinhalten keine Wertigkeiten, ob und welche Methode nun die "wichtigere" oder "bessere" ist.
Bei den Lagereaktionen (7 an der Zahl) kann es durchaus vorkommen, dass man bei einem Frühchen nach der Geburt 7 auffällige hat (=sehr schwere Zentrale Koordinationsstörung) bzw. nach einem weiteren Tag nur noch 5 und nach einer Woche nur noch 3 hat. Das ist zwar keine allgemeingültige Vorstellung, aber durchaus denkbar.
Ich denke beide Methoden ergänzen sich und ich werde beide anwenden um eine noch aussagekräftigere Diagnose machen zu können, die ich dann in meiner Therapie einfliessen lassen kann.
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Andreas Bourani "Wunder"
Die Früherkennung von Zerebralparesen kann bei allen Risiko-Kindern, insbesondere sehr Frühgeborenen durch neurologische Untersuchungen, insbesondere nach dem Konzept der General Movements von H.F. Prechtl sowie der zerebralen Bildgebung (Sonographie, MRT) erfolgen. Leichtere Formen der ICP können im ersten Lebensjahr unter Umständen schwer zu diagnostizieren sein. Zur Differentialdiagnostik wird auf die Leitlinie Q6 der Gesellschaft für Neuropädiatrie verwiesen. Eine manifeste Zerebralparese kann durch keine präventiven Maßnahmen, insbesondere auch nicht durch intensive Physiotherapie, verhindert, sondern allenfalls in ihrer Ausprägung reduziert werden.
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