Ich bin über ein Buch gestolpert, das ich euch vorstellen möchte.
Ich denke, es könnte für einige Geschwisterkinder evtl geeignet sein, um eigene Probleme, Ängste und Gedanken anzusprechen, da es aus Sicht eines Geschwisterkindes geschrieben wurde.
Es heißt "Drachenflügel", ist von Renate Welsh, hat 104 Seiten und ist vom dtv junior.
Anne hat einen großen Bruder (17 Jahre), der im Rollstuhl sitzt, nicht spricht, nicht selber essen kann, eine Spastik hat, geistig behindert ist und Epi hat. Sie liebt ihn heiß und innig, bekommt aber zunehmend mit, dass in ihrer Familie alles anders ist, und wie Außenstehende über behinderte Kinder tuscheln. Sie zieht sich zurück, hat keine Freundinnen, unterstützt ihre Mutter wo sie nur kann und einmal, als ihre Eltern nicht da sind, muss sie bei einem Krampfanfall auch Zäpfchen vergeben und dafür sorgen, dass der Bruder weiteratmet.
Anne lernt dann ein Mädchen kennen, Lea. Sie scheinen Freunde zu werden, doch dann bekommt Anne mit, dass Lea von ihr als "Anne, die mit dem behinderten Bruder" spricht. Sie ist darüber zutiefst gekränkt ("Ist das alles, was sie über mich sagen kann?") und kapselt sich und ihren Bruder sogar vor der eigenen Familie ab. Sie würde gerne über ihre Nöte sprechen, aber sie weiß nicht wie. Eigentlich weiß sie selbst nicht so genau, was sie denn möchte. Die anderen sollen nicht gucken, aber auch nicht ignorieren, die anderen sollen "normal" mit ihr umgehen, aber dazu gehört doch auch die Frage, wie es mit ihrem Bruder ist - oder?
Lea jedenfalls gibt so schnell nicht auf, und schlußendlich, darf sie Anne sogar zu Hause besuchen und lernt den behinderten Bruder kennen.
Den Anfang des Buches fand ich etwas schwierig, evtl. geht es da fantasiebegabten Kindern anders Anne besucht ihren Großvater, und sie machen mit Hilfe von Büchern, Bildern, Musik und Geschichten "Reisen" in ferne Länder. Dass Anne einen Bruder hat, der behindert ist, und was er alles hat, erfährt man erst so nach und nach, nie direkt, sondern man muss es sich zusammenreimen. Jemand, der noch nie von Epi gehört hat, wird die entsprechenden Passagen im Buch vermutlich nicht sofort als Epi identifizieren.
Es gibt wohl auch einen Unterrichtsentwurf zu diesem Buch, wenn man das Buch in der Schule lesen möchte. Auch eine Hörspielkassette dazu existiert
Vielleicht hat es beim ein oder anderen ja Interesse geweckt.
Gruß
Martina _________________ Martina (*81), Lehramtsanwärterin Sonderschule (Lernen/Gehörlosenpäd.) mit 1. Staatsexamen, Reizdarm, V.a. Asperger - keine eigenen Kinder aber Betreuung behinderter Kinder/Jugendlicher
Verfasst am: 26.01.2010, 12:07 Titel: Buch aus Sicht eines Geschwisterkindes
Hallo Martina!
Dein Bericht hat mich sehr angesprochen.
Unser gesunder Sohn Wolfgang hatte zum Glück keine Probleme mit der Tatsache, dass er mit einem behinderten Bruder gross geworden ist. Allerdings kannte er das einfach nicht anders. Florian war ja schon 2, als Wolfgang geboren wurde.
Und Florian hat mit Argusaugen darüber gewacht, dass seinem Bruder (als der klein war), nichts passiert.
Was mir aber zu dieser Problematik noch einfällt:
Wir hatten so ca in der Zeit von Florian's 4. bis zum 10. Lebensjahr eine Studentin (Lehramt für L-Schule), die Florian oft in den Ferien und am Wochenende betreut hat, um sich ihr Studium zu finanzieren. Sie ist seit langem in dieser L-Schule in unserer Stadt Lehrerin und hat ihren Schülern immer von Florian erzählt. Die Schüler haben das voll angenommen und immer wieder nach Florian gefragt, zum Teil auch heute noch.
Daraus kann man schliessen, dass Kinder im Schulalter sehr wohl bereit sind, sich mit dem Thema Behinderung objektiv auseinanderzusetzen, wenn ihnen das Thema nur entsprechend nahe gebracht wird.
VG
Marianne _________________ Marianne, 53, Alois,58, mit Florian, 26, schwere perinatale Asphyxie, weitreichender Hirnschaden, Tetraspastik, Anfallsleiden, geistige Behinderung,seit Dezember 2003 stationär in Wohpflege, Wolfgang, 24, gesund und munter
Die Menschen, denen wir eine Stütze sind, geben uns den Halt im Leben.
ich finde es ist auch ein buch für eltern um die nichtbehinderten geschwisterkinder
vielleicht zu verstehen oder auch um zu erkennen was diese evtl denken könnten
in dem buch hat sich anna ja auch teilweise in eine fehleinschätzung ihrer umwelt "verrannt" nur weil sie meint ihren bruder beschützen zu müßen !
lg alex _________________ alex + michelle (15j.,therapieresistente epilepsie- kortikale dysplasien,vns-implantiert, retardiert bis auf ca. 4-5 j., autistische züge)
am Ende kommt es gar nicht so sehr darauf an, wie weit wir es gebracht haben, sondern darauf, ob wir unseren eigenen Weg gegangen sind !
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