Verfasst am: 17.07.2005, 15:42 Titel: Krankengymnastik bei Frühgeborenen
Immer wieder werde ich gefragt, was denn eigentlich eine Krankengymnastik bei Frühgeborenen beinhaltet. Ich versuche hier nun in Kurzform mal einen kleinen Überblick zu geben, worauf es ankommt:
Kurz nach der Entbindung (meistens mit Kaiserschnitt) liegt das Kind im Inkubator, ist an "tausend" Schläuche angestöpselt und ebensoviele Geräte "piepen" ganz laut und geben Alarm, wenn man auch nur indie Nähe des Kindes kommt.
In der Anfangszeit ist es ganz wichtig den Eltern Sicherheit im Umgang mit ihrem Frühchen zu geben. Es muss versucht werden, den Eltern ihr Kind nah zu bringen, da dort oft noch ganz große Barrieren zwischen beiden liegen. Die meisten Eltern sind voll ins kalte Wasser gesprungen bzw. "geschubbst" worden", da sie nicht mit soetwas gerechnet haben. Die meisten informieren sich aber recht schnell auf den verschiedensten Wegen über ihr "Schicksal", was eigentlich ihr Glück ist (oder sein sollte).
Therapeutisch muss man den Eltern zeigen, wie sie Ihr Kind anfassen können (flächig, mit viel Hautkontakt, etc. etc.). Dazu gehört auch die Lagerung im Inkubator, das Wickeln, das Streicheln (!), die Lagewechsel, das Legen auf den eigenen Bauch / Brust, das Trinken etc. etc.
Wichtig ist: viel Zeit und Ruhe. Langsame Bewegungen, dem Kind mit Worten und dem entsprechenden Griffen viel Sicherheit geben! Die oben genannte Massnahmen lassen sich wunderbar mit dem Handling aus dem Bobath-Konzept verwirklichen.
Zu den "alltäglichen Massnahmen" gehören aber auch die Massnahmen zur Verbesserung der Wahrnehmung. Zieht man in Betracht, dass ein Frühchen eigentlich noch im Mutterleib in einer schützenden Hülle wäre (mit viel Druck von außen), so fehlt den jungen Lebewesen diese nun gänzlich. Sie sind "hilflos" der Schwerkraft ausgesetzt und daher muss man ihnen mittels eine gezielten Wahrnehmung "Halt" und "Sicherheit" geben. Man fördert die Sinneswahrnehmung und das so genannte "Körperschema" mit Massnahmen aus der SI (= Sensorischen Integration) aber auch aus dem Bobath-Konzept, dass viele der Wahrnehmungsverbessernden Massnahmen beinhaltet. Die Wahrnehmung soll oberflächlich (=taktil), Tiefensensorisch (=proriozeptiv) aber auch das Gleichgewicht betreffend (=vestibulär) stattfinden. Die geschulten Krankengymasten zeigen den Eltern die entsprechenden Griffe und Massnahmen, damit dieses die dann auch ohne Therapeuten durchführen können.
Ein wesentlicher Aspekt ist die Verbesserung der Atmung! Die kleinen Lungen der Kinder sind noch nicht voll "funktionstüchtig". Viele leiden unter der so genannten BPD (=Broncho Pulmonalen Dysplasie) einer Art Unreife der Lungen. Hier ist eine gezielte Atmungsverbesserung mit einhergehender Lungenbelüftung von Nöten. Man kann bei guter Atemtherapie oft die Sättigung deutlich verbessern und die Kinder müssen nicht so häufig an den Sauerstoff. Das hängt natürlich vom Kind und seinem Zustand ab! Eine gute Möglichkeit zur Verbesserung der Atmung ist der Einsatz der Atemtherapie aber auch der Vojta-Therapie (!!!). Beide können zu einem deutlichen Anstieg der Eigenaktivität in Bezug auf die Atmung führen.
Problematisch ist der Verlauf der ersten Wochen auch durch die Gefahr einer eventuellen Hirnblutung mit nachfolgender neurologischer Symptomatik. Diese wird aber nicht immer sofort deutlich, sondern es bedarf oft einiger Wochen und Monate, bevor die eigentlichen Probleme ans Tageslicht kommen. Eine engmaschige Kontrolle durch fachlich gute Kinderärzte sowie den Kinderkrankengymnasten sollte hier aber Vorschub leisten. Insbesondere was das Erkennen des neurologischen Entwicklungsstatus angeht.
Haben die Frühchen die kritischen Momente des Lebens überwunden, so geht ihr schwerer Weg oft weiter! Zuhause angekommen kann sich allerdings ein vertrautes Gefühl breitmachen, da es hier nicht ständig piept und klingelt. Viele Frühchen sind als so genannte "Risiko-Kinder" eingestuft, dass heisst: auch nach der Entlassung (die sich in der Regel nach den Vitalfunktionen und dem Gewicht richtet...) sind sie teilweise auf Geräte angewiesen. Diese registrieren insbesondere Nachts die Funktionen der Atmung und des Sauerstoffgehaltes im Blut.
Was die Therapie der Frühchen angeht, so ist in den ersten Wochen zunächst einmal Krankengymnastik angesagt. Hier stehen viele verschiedene Therapieformen zur Auswahl, die alle Vor- und Nachteile haben. Bobath, Vojta, Sensorische Integration, Castillo Morales, etc. etc. können oftmals am besten in Kombination angewandt werden. Welche Therapie für das Kind geeignet ist stellt sich in der Regel schon nach kurzer Zeit heraus. Wichtig ist jedoch die intensive Zusammenarbeit zwischen Therapeuten, Eltern und dem Kind. Natürlich kommen auch andere Berufsgruppen dazu, wie z.b. Frühförderung, deren Schwerpunkt aber nicht in dem Bereich der Motorik liegt.
Nach einem ausführlichen Befund sollte das Kind in seinen Stärken "analysiert" werden. Natürlich müssen auch alle Defizite herasugefunden werden, aber hier hat das Frühchen einen "Bonus": es bekommt mehr Zeit in Bezug auf die Entwicklung. Jedes Frühchen hat demnach erstmal ungefähr 2 Jahre Zeit um auf einen gleichguten Entwicklungsstand zu kommen wie ein "Nicht-Frühchen". Die Grenzen sind hierbei fliessend.
Es gibt noch weitere Aspekte in der Behandlung von Frühchen, ich beschränke mich aber zunächst auf die bisherigen Ausführungen. Ich kann mir gut vorstellen, diesen Thread noch zu ergänzen oder es in ähnlicher Weise auch für andere Diagnosen zu tun, da ich immer wieder per PN ähnliche Anfragen erhalte.....
>>>Und du fühlst, dass du lebst
Weil du tanzt und fliegst, du schwebst
Weil du lachst, weil du weinst und liebst
Du bist ein Wunder
Du bist ein Wunder<<<
Andreas Bourani "Wunder"
Zuletzt bearbeitet von Tobias am 19.07.2005, 20:42, insgesamt einmal bearbeitet
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