Verfasst am: 01.09.2007, 01:01 Titel: HILFERUF: Asperger Syndrom und Kindergarten
Liebe Rehadkidler,
ich bin äußerst ratlos und ziemlich am Ende: Meine Tochter Joscha (3 1/2) geht seit 8. August in den heilpädagogischen Kindergarten der Lebenshilfe in Bonn.
Das Kind übergibt sich jeden Morgen sieben acht mal. Wimmert vor Angst, wehrt sich wie noch nie. Ersinnt Alternativen, bloß nicht in den Kindergarten.
Details weiter unten, wenn es denn wer wer lesen mag.
Mir wichtiger: Gibt es Alternativen zum Kindergarten? Gibt es ein persönliches Budget für Nicht-Kindergarten-fähige-Kinder? - Mein Traum im Moment: Ich suche eine Tagesmutter, die außer Joscha vielleicht noch ein, zwei, drei Kinder betreut.
Hat jemand von Euch mit so etwas Erfahrung? - Joscha macht sich blendend, sie wird durch das Erbrechen vorm Kindergarten wieder auf Krampfanfälle zurückgeworfen.
Meine Fragen, konkret: Gibt es einen guten Kindergarten in Bonn und Umgebung für autistische Kinder? Oder: Gibt es alternative Betreuungsformen? Wie stellt man das an? Was muß man berücksichtigen?
Ich kann kaum noch geradeaus gucken, ich bin dankbar für jeden Hinweis
Sonja Röder
Ich habe Beratung gesucht. Eine Frau, die seit mehr als zwanzig Jahren mit autistischen Kindern arbeitet, sagte: Es gibt nur einen anderen Kindergarten, der in Frage kommt, da könne sie eine Erzieherin wirklich empfehlen, aber darauf habe sie keinen Einfluß.
Der Kindergarten (wir haben vier besichtigt) wurde mir gepriesen als: Kindergärtnerinnen gleich heilpädagogisches Urgestein (30 Jahre dabei), Ruhe, kleine Gruppen, wahnsinnige Erfahrung auch mit autistischen Kindern usw.
Vereinbart wurde eine Übergangszeit, in der ich mitkommen sollte, zur Vermittlung einiger wichtiger Punkte aus der Bedienungsanleitung meines Kindes. Nichts davon wurde realisiert.
Jetzt häuft sich Katastrophe auf Katastrophe:
Die können nicht füttern, nicht wickeln, keine Hose richtig rum anziehen, kein Augenpflaster kleben, keine Orthesen anlegen.
Joscha stolperte vermeidbar, die Oberlippe völlig aufgeplatzt. Die Zunge zerbissen.
Von wegen kleine Gruppen (Acht Kinder, zwei Betreuerinnen): Bei schönem Wetter kommen vier Gruppen im kleinen Garten zusammen. 32 Kinder, mehr als im Regelkindergarten. Die Kindergärtnerinnen hocken aufgereiht auf den Bänken wie Hühner auf der Stange. Mein Kind, das Angst vor anderen Kindern hat, irrt allein herum oder wird in den Sandkasten gesetzt, wo es - weil motorisch auch behindert - nichts tut.
Statt von 8 - 15 ist das Kind von 9 - 12:30 Uhr dort. Ich fahre es hin, ich hole es ab, weil es sonst ins Taxi des Fahrdienstes kotzt. - Ich erfahre keinerlei Offenheit, ich weiß nicht, was in der Zwischenzeit geschieht. Außer daß mein Kind kotzt.
Ich sehe nicht die minimalsten Anzeichen von Erfahrung im Umgang mit autistischen Kindern. Joscha hat eine Panik vor Geräuschspielzeugen und Musik. Stolz berichtet mir die Kindergarten-Leiterin: Heute habe ich sie schon drei Minuten auf dem Schoß gehalten, sie hat es ausgehalten, das Singen.
Joscha soll den anderen Kindern die Hände reichen zum Guten-Appetit, das bei ihrer Berührungsphobie.
Die Kindergärtnerinnen schauen auf mich herab, weil ich Joscha nur Fertignahrung oder ein trockenes Croissant oder Brötchen mitgebe. Meine Tochter ißt nichts anderes, nichts mit Butter, nichts mit Belag, sie hat eine orofaziale Störung, alles Körnige, Nicht-Pürierte schiebt sie raus aus dem Mund. Als klassische Autistin ißt sie ohnehin nur fünf sechs verschiedene Gerichte.
Die Logopädin des Kindergartens weiß nicht einmal, was eine orofaziale Störung ist. Ihr Kind spricht doch, seien Sie froh.
Noch so ein Tipp: Kaufen Sie dem Kind doch ne Armbanduhr, damit es nicht immer fragen muß, wann Sie es abholen kommen.
Instinktiv spüre ich: Ich bin verschrien als Mama, die ihr Kind nicht los läßt. Dabei kommen seit zwei Jahren zwei Betreuerinnen pro Woche, acht Stunden. Sie haben freie Hand, was sie mit Joscha tun. Joscha liebt die eine von ihnen sehr. Sie hält ohne Probleme vier Stunden ohne Mama aus.
Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Ich erspare das mir und anderen. _________________ Ein Mädchen, geb. 12-2003, Kleinhirnhypoplasie und Balkenagenesie, Tetraparese, Asperger Syndrom und ein wundervolles, starkes, schönes, gutes, liebenswertestetestes (!) Mädchen. Das allerbeste Kind - was sonst.
Hallo Sonja, kennst du den DRK-Kindergarten in Ippendorf? Ich schätze, dass der DRK-Kindergarten und der Kindergarten am Heiderhof, neben dem Magaretenplatz drei der vier Kindergärten ausmachen, die du angesehen hast?
Der Lebenshilfekindergarten scheint wirklich absolut nicht für Mascha geeignet zu sein. Sicher gibt es auch im besten Kindergarten ein schwarzes Schaf, aber der DRK-Kindergarten ist ein sehr guter Kindergarten (der beste?) in Bonn.
Julia. _________________ FED
wenn die Chemie nicht stimmt, dann ist auch der beste Kindergarten für das konkrete Kind ungeeignet. Deshalb ist es vollkommen richtig, dass du nach Alternativen suchst.
Tagesmütter dürfen in vielen Bundesländern nur Kinder bis zum 3. Geburtstag nehmen. Außerdem haben wir bei unserem Sohn die Erfahrung gemacht, dass Tagesmütter, die ja meist keine heilpädagogische Zusatzausbildung haben, mit der Betreuungvon Asperger-Kinder noch deutlicher überfordert sind als Erzieher in Integrationskindergärten. Aber da könnte ein Anruf beim zuständigen Jugendamt vielleicht weiterhelfen? Vielliecht gibt es bei euch eine Tagesmutter, die sich auf die Betreuung von besonderen Kindern über 3 Jahren spezialisiert hat?
Eine andere Idee wäre eine Nachfrage beim nächsten ATZ. Unser Autismuszentrum arbeitet mit Autismus-Fördergruppen zusammen, die unserem Sohn auch, wenn es erforderlich werden sollte, einen entsprechenden Platz zur Verfügung stellen könnten.
Und schließlich hat Joscha einen Anspruch auf Eingliederungshilfe nach § 35 a SGB VIII. Wie diese ausgestaltet werden könnte, kann euch vielleicht der betreuende Arzt sagen. Denkbar wäre vielleicht ein kleiner Kindergarten mit einem verständnisvollen Einzelfallhelfer allein für Joscha.
Viele Grüße _________________ Kaja mit Sohn (2003) - Mikrodeletion 8p23.1 (u. a. Herzrhythmusstörung, Epilepsie, Apnoen (Monitor), Entwicklungstörung im motorischen und sprachlichen Bereich), hochgradige Schwerhörigkeit, HFA, div. Nahrungsmittelallergien, ehemaliges Frühgeborenes (30. SSW)
wenn ich das so lese... - lass' Dein Kind zu Hause und such' was Neues. Es ist ja nicht so, dass sie nur jetzt im Moment darunter leidet - bedenke, dass sie nun ihr Trauma verpasst bekommt und ihr hinterher jahrelang das Drama 'Schule' haben werdet, weil sie dann gar nicht mehr unter Kinder mag...
Für einen Autie ist die Situation, wie Du sie schilderst, schlichtweg unerträglich !!!
Wenn ich 'erbrechen' höre, wird mir ganz anders... - ich fange an zu erbrechen, wenn ich in einen Overload gerate, also maximal mit einer Situation überfordert bin. Das sind Situationen, die ich instinktiv vermeide, aus denen ich versuche, auszubrechen. Wenn ich das nicht kann (was Deiner Tochter im Kiga ja auch unmöglich ist...), leide ich darunter massiv.
Liebe Grüsse,
Petra _________________ Petra (06/77): Asperger Autist / HFA mit HB, ADHS und ein paar anderen Strickfehlern...
"Ja, ich bin Autist...." - ... - "...nein, ich bin nicht wie Rainman !" ~~~~~~ "Spock was not Vulcan. He was autistic with pointy ears..."
wir haben den Kindergarten in der Dorotheenstr. (städtisch) angesehen, da gibt’s eine integrative Gruppe, aber alle Kinder aller Gruppen kommen zusammen zum Frühstücksbuffet, da wäre Joscha verloren, von wegen Lärm und Auswählen.
Dann noch: Montessori im Gustav-Heinemann-Haus in Tannenbusch, recht laut, wenig Platz.
Dann den, wie Du vermutest, in Ippendorf. Da paßte Joscha weder in die heilpädagogische noch in die integrativen Gruppen. Damals, vor eineinhalb Jahren. Heute wäre das vielleicht anders.
Frage an Dich als Professional: Ist denn ein Wechsel auf die Schnelle überhaupt möglich? An wen wende ich mich: an Kindergarten oder Gesundheitsamt?
Hab jetzt schon ziemlichen Horror vor morgen früh
Sonja _________________ Ein Mädchen, geb. 12-2003, Kleinhirnhypoplasie und Balkenagenesie, Tetraparese, Asperger Syndrom und ein wundervolles, starkes, schönes, gutes, liebenswertestetestes (!) Mädchen. Das allerbeste Kind - was sonst.
ist es denn normal, daß es so wenig Austausch zwischen Kindergarten und Eltern gibt? Wenn ich frage, wie es denn heute war, heißt es knapp, Joscha habe sich wieder aufgeregt, dann kriege ich die Tüte mit der verkotzten Kleidung in die Hand gedrückt.
Was Joscha aufgeregt hat, oder überhaupt, was sie mit den Kindern heute gemacht haben, davon weiß ich nichts.
Tagesmütter: Ich habe keinerlei Erfahrung. Weiß nur, daß die studentischen Betreuerinnen, die ich mir gesucht habe, jede auf ihre Art gut sind. Aber ob ich die Betreuung von Joscha bis zur Schule auf dieser Basis organisieren kann, weiß ich nicht.
Beim Lebenshilfe-Kindergarten habe ich bei der Besichtigung vor eineinhalb Jahren gefragt, wie es denn mit einer Integrationshelferin / -helfer ist, die winkten sofort ab, das wollten sie nicht.
Was heißt genau Eingliederungshilfe? Hast Du da konkretere Hinweise?
ATZ: Da wäre Köln, da wäre die Filiale in Bonn. Ich war auf dem Kongreß von Lechmann und Co. in Köln, von dort haben wir auch Joschas Diagnose. Aber die machen doch keine Kindergarten-Ersatz-Gruppen?
Sorry, daß ich Dich so direkt frage, ich weiß es nicht besser zur formulieren.
Sonja _________________ Ein Mädchen, geb. 12-2003, Kleinhirnhypoplasie und Balkenagenesie, Tetraparese, Asperger Syndrom und ein wundervolles, starkes, schönes, gutes, liebenswertestetestes (!) Mädchen. Das allerbeste Kind - was sonst.
ja, ich glaube Dir sofort, daß es maximale Überforderung ist. Ich sehe ja, daß Joscha gegen das Kotzen kämpft, aber es ihr nicht gelingt, die Angst und die Panik und die Aufregung zu kanalisieren. Dabei ist sie sehr klug und ansprechbar und einfühlsam.
Ich finde das immer erstaunlich und extrem heilsam, wenn Du und andere formuliert, was los ist. Du bist so alt wie meine junge Schwester und ich giere immer nach Berichten von Betroffenen, weil alles andere (sogenannte Expertentagungen und -veröffentlichungen) oft einfach an allem vorbei gehen, was ich mit Joscha erlebe. Mir kommts so vor, als würden die meisten Ärzte und Therapeuten ihre Studien machen, ohne wirkliches Interesse, wie Autisten denken und fühlen.
Sei herzlich gegrüßt
von einer äußerst müden Sonja _________________ Ein Mädchen, geb. 12-2003, Kleinhirnhypoplasie und Balkenagenesie, Tetraparese, Asperger Syndrom und ein wundervolles, starkes, schönes, gutes, liebenswertestetestes (!) Mädchen. Das allerbeste Kind - was sonst.
leider kann ich dir deine Frage nicht beantworten, wie man einen Kindergartenwechsel angeht. Hier im Forum haben schon einige Kinder ihren Kindergarten gewechselt, vielleicht schaut ein User von diesen Kindern hier mal rein.
Der Kindergarten am Heiderhof (Pappelweg) ist räumlich auch recht beengt. Insgesamt war mein Eindruck von dem Kindergarten recht gut. Ein Mädchen aus der Gruppe, in der ich gearbeitet hatte, hat diesen Kindergarten besucht. Das Mädchen hatte damals ein deutlich ausgeprägtes herausforderndes Verhalten, welches ins autistische Spektrum passt (sie ist aber keine Autistin), bedingt durch starke Wahrnehmungsstörungen. Der Kindergarten war immer sehr bemüht und interessiert und haben ihr immer ausreichend Ruhe- und Auszeiten eingeplant, damit sie mit dem Tag dort zurecht kam.
Vielleicht kannst du dort einmal hospitieren?
Ich habe auch überlegt, dass der DRK-Kindergarten, von dem ich nur beide heilpädagogischen Gruppen kenne (kannte...) für Mascha wahrscheinlich keine geeigneten "Mitkinder" bietet. Meine Klientel ist einfach eine andere. Aber ich habe gehofft, dass es vielleicht auch nur ein, zwei Kinder, wie Joscha gibt, die auch in dem Kindergarten sind, die auch die Ruhe und Struktur dieses Kindergartens brauchen und eben in anderen Kindergärten gestresst sind.
Hoffentlich findet ihr schnell eine Lösung und einen geigneten Kindergarten!
Ich drück euch die Daumen!
Eingliederungshilfe bedeutet, dass das Kind z.B. einen Integrationshelfer für den Kindergarten bezahlt bekommt, der die ganze Zeit da ist das Kind unterstützt, in kritischen Situationen vermittelt.... Später in der Schule haben viele Asperger-Kinder einen I-Helfer.
Evtl. wäre es auch möglich, über das persönliche Budget eine Betreuung zu finanzieren, aber konkrete Tipps kann ich Dir diesbezüglich nicht geben. Ich verlinke Dir mal was von der Bundesregierung dazu.
Annette _________________ Annette *16.08.67, u.a. chronische Neuroborreliose, chronische Depression, EM-Rentnerin, GdB 50, mit Ulrich, *27.07.92, Asperger-Autismus, GdB 80, H, B, G; er lebt in WG der Mansfeld-Löbbecke-Stiftung in Braunschweig
Ist denn ein Wechsel auf die Schnelle überhaupt möglich? An wen wende ich mich: an Kindergarten oder Gesundheitsamt?
Du hast doch sicher einen Vertrag. Darin ist geregelt, wie du bei einem Kindergartenwechsel verfahren musst. In jedem Fall ist eine außerordentliche Kündigung möglich, die Gründe, die du genannt hast, dürften dafür ausreichend sein. Du kannst also, wenn du etwas passendes für Joscha gefunden hast, von einem Tag zum anderen wechseln.
Zitat:
ist es denn normal, daß es so wenig Austausch zwischen Kindergarten und Eltern gibt?
Nein, natürlich nicht. In unserem früheren Kindergarten hörten wir auch nur: alles in Ordnung. Erst viel später haben wir erfahren, dass unser Sohn den ganzen Tag überhaupt nicht spricht. Und nach etlichen weiteren Problemen, die deutlich geringer waren als das, was bei euch abläuft, haben wir dann gewechselt.
Im neuen Kindergarten war er dann erst mal nur "auf Probe", weil dem Kindergarten die Erfahrung mit autistischen Kindern völlig fehlte. Das Anschlussangebot war dann eine Einzelbetreuung durch eine ausgebildete Kraft, finanziert über § 35 a SGB VIII. Das haben wir aber nicht gebraucht, weil mit Hilfe des ATZ wir Wege gefunden haben, mit denen wir alle leben können.
Zitat:
ATZ: Da wäre Köln, da wäre die Filiale in Bonn. Ich war auf dem Kongreß von Lechmann und Co. in Köln, von dort haben wir auch Joschas Diagnose. Aber die machen doch keine Kindergarten-Ersatz-Gruppen
Wie das bei euch läuft, weiß ich nicht im Detail, aber unser ATZ hat besondere Fördergruppen aufgebaut und außerdem eine Liste mit Kindergärten, in denen die Integration schon klappt.
Ich würde versuchen, meinem Kind keinen Tag mehr in diesem Kindergarten anzutun. Wende dich schnell an das Jugendamt, damit ihr für die Übergangszeit eine Einzelbetreuung habt und Joscha erst mal zur Ruhe kommt. Versuche in dieser Zeit einen Kindergarten zu finden, der klein und gut strukturiert ist und dann mit Hilfe eines Intergrationshelfers einen Neustart. Und lass dir vom ATZ helfen. Ich habe den Eindruck, der jetzige Kindergarten, so gut er für andere Kinder sein mag, ist für Joscha völlig ungeeignet. Und das zeigt sie täglich.
Ich wünsche dir ganz viel Kraft. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie anstrengend die Suche nach einem geeigneten Kindergarten für autistische Kinder ist.
Viele Grüße _________________ Kaja mit Sohn (2003) - Mikrodeletion 8p23.1 (u. a. Herzrhythmusstörung, Epilepsie, Apnoen (Monitor), Entwicklungstörung im motorischen und sprachlichen Bereich), hochgradige Schwerhörigkeit, HFA, div. Nahrungsmittelallergien, ehemaliges Frühgeborenes (30. SSW)
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