Verfasst am: 15.08.2007, 11:20 Titel: Ist Schweigen doch Gold?
Hallo,
ich muss mal über ein Gefühl reden, das mich immer mehr beschleicht. Also: Ich habe hier in einem so etwas von ländlichem Landkreis so ein bisschen, nein ziemlich stark das Gefühl, dass sich nicht nur andere Eltern, sondern auch Erzieher, Amtsärzte und Betreuer so ein bisschen "ergötzen" an meiner Situation. Und vor allen Dingen, dass sie nur negative Dinge hören wollen in die Richtung: "Die Mutter ist zu bemitleiden, völlig überfordert, das Kind ist ja ein ganz trauriger Fall usw..."
Das erkenne ich daran, dass mit mir besonders die Kindergärtnerinnen mit besorgter Miene gern jeden Tag mit Vorliebe Hiobsbotschaften überbringen. O-Ton heute morgen: "Gestern war es ganz schlimm, er hat wieder den Kreis gestört. Hat er eine Entzündung im Auge? Wann haben Sie die Untersuchung beim Amtsarzt?" Ich wollte eigentlich nur erzählen, dass unser Urlaub prima war und unser Sohn sich vorbildlich benommen hat, aber alles was in die positive Richtung geht, wird nicht wahrgenommen. Aber wenn ich klage oder von Problemen erzähle, dann sind alle ganz scharf darauf. Woran liegt das? Von Anfang habe ich überall Hilfe gesucht, extrem offen mit den Kindergärterinnen über die Probleme, die mein Kind mir macht, gesprochen habe. D.h. alle sind jetzt über persönliche Details bestens informiert, ob Amtsärztin oder Psychiater. Am besten aber die heilpädagogische Kraft im I-Kindergarten. Ich habe stets allen die Arztberichte gegeben von Untersuchungen, die ich aus eigener Initiative angeleiert habe. So, dann ist dann da auch noch der Familienunterstützende Dienst, bei dem ich mir irgendwie auch nicht ganz sicher bin, ob die da alle so dicht halten. Kurz gesagt, die kennen sich hier alle untereinander und ich habe einfach das dumme Gefühl, dass zwar zu mir alle freundlich sind, aber dann doch so als Fall über "die Mutter" mit "dem Autisten" gesprochen wird. Auch weiss ich von einer Mutter, dass die anderen Mütter über mein Kind reden
Jetzt überlege ich tatsächlich, mit dem Kleinen entweder nach Hamburg oder Berlin zu ziehen, damit ich vor dieser ganzen Sache Ruhe habe. Denn offenbar glaubt einem hier niemand, dass man auch mit einem solchen "Schicksal" das Kind total niedlich und interessant finden kann.
Habt ihr auch die Erfahrung gemacht, dass alle Euch gern in die Opferschiene schieben wollen? Ist es vielleicht sogar tatsächlich besser in der Stadt mit einem behinderten Kind zu leben? Kann man dort besser untertauchen, weil es dort mehr "Jecken" gibt und die Ämter und Erzieher einfach abgebuffter damit umgehen?
Nachdenkliche Grüsse
Hallo Anette,
also meiner Meinung nach hilft da nur ein dickes Fell! Ich glaube nicht, daß es in der Stadt soviel anders ist, wie auf dem Land. Nur hier bekommt man selbst mehr mit. Klar ist es doof, wenn die anderen über einen reden. Mir haben vor allen Dingen die Freunde geholfen. Ein gutes Netzwerk kann echt Wunder wirken. Da wissen alle Bescheid und können auch mal einiges grade rücken, wenn mal wieder von Außenstehenden unqualifizierte Bemerkungen kommen.
Ich denke, daß mit der Zeit ein neues gesprächsthema anfällt, und dann seit Ihr aus der Schußlinie. Auch wir werden immer wieder darauf angesprochen, was diesmal schief gelaufen ist. Aber komischerweise sind die meisten Leute verständnisvoller (nicht die Kinder) seit sie von Lars Autismus erfahren haben. Wir halten nicht damit hinterm Berg und erzählen es allen, die etwas darüber erfahren möchten. Ich habe auch schon mal darüber nachgedacht, einen Brief an die Eltern von Lars Klassenkameraden zu schreiben, damit die Gerüchteküche nicht überkocht. Aber bis jetzt habe ich es noch nicht getan.
Halt die Ohren steiff, Du bist nicht die einzige mit solchen Problemen. Und wie eine gute Freundin von mir immer saggt:" In zehn Jahren lachen wir hierüber!"
Alles Gute Heike _________________ Heike (02/68)mit Lars (06/97), Asperger Autist
vor 7 Monaten habe ich meine Kinder eingepackt und innerhalb von 14 Tagen unseren lebensmittelpunkt nach Berlin verlegt.
Eigentlich eine reine Verzweiflungstat: die Einschulung rückte näher....
Was soll ich sagen, das einzige was ich bedauere, das ich nicht eher dazu den Mut aufgebracht habe.
Ich muß dazu sagen, die Berliner jammern darüber, das überall Geld eingesparrt wird und vergessen dabei zu sehen, was trotzdem möglich ist.
1. Der kleine Bruder von Jack konnte sofort in einen Kindergarten, nicht bis 12 Uhr, nein, er darf bis 15 Uhr bleiben, sobald ich arbeite notfalls auch länger... Das ist der normale Standard und für jedes Kind ab 1 Jahr möglich. Kosten 23 Euro Essengeld (witzig) + Elternbeitrag nach Einkommen - jemand der kein oder nur wenig Einkommen hat zahlt nicht mehr als 20 Euro... je nach Kinderanzahl
2. Betreuung durchs Gesundheitsamt: Persönliche (und damit meine ich tatsächlich persönliche) Betreuung für Eltern von behinderten Kindern!!!
- Stellungnahmen um Kindergartenplatz zu bekommen
- Stellungnahmen für sämtliche Ämter
- Entgegennahme, Beratung, Stellungnahmen für Anträge der Eingliederungshilfe (Hilfsmittel, Einzelfallhelfer, und und und) alles aus einer Hand
- Behindertensportverbände
- Charite ( top, die kummunizieren tatsächlich miteinander)
- Unterstützung hier, Unterstützung da, man muß nur den Mut aufbringen, darum zu bitten
3. kurze Wege, Infrastruktur top
4. Soziale Anbindung: in Berlin sind alle auf öffentliche Spielplätze angewiesen, mit Kinder einsam, unmöglich, es sei denn man möchte es und hält sich von solchen Plätzen fern
5. Angebote über Angebote, man muß nur noch auswählen, auch für behinderte Kinder, hier gibt es so viele Sachen die man als familie machen kann und durchaus finanziell machbar, für jeden...
6. Hortbetreuung auch bis 19 Uhr möglich, Mein Sohn geht im Moment bis 15 Uhr, Kosten 23,00 Euro für Essen und wie oben beschrieben Elternbeitrag - notfalls auch in den Ferien oder eben nur in diesen...
Diese Liste könnte ich wahrscheinlich endlos fortsetzen...
Nun zu den Nachteilen:
1. Die Zeit, die ich nun nicht mehr im Auto verbringe um mein Kind von A nach B zu transportieren verbringe ich an Kassen beim bezahlen - es sein denn ich gehe am Wochenende um 9 einkaufen - ohne Kinder
2. Schule: Mein Sohn besucht die Blindenschule, einfach nur TOP, allerdings habe ich nun das Problem das meine gesunden Kinder schulisch benachteiligt sind - Problem gelöst, meine Tochter besucht im nächsten Jahr eine Privatschule, aber die kirchlichen sind durchaus bezahlbar, man muß sich allerdings anstellen, Geschwisterkinder werden dann aber auf jeden Fall angenommen.
3. Stadtleben, durchaus gewöhnungsbedürftig, aber man gewöhnt sich dran und fährt einfach ins Grüne - vorher sind wir eben in die Stadt zum Einkaufen gefahren
4. Hohe Mieten: gleicht sich allerdings aus, durch Fahrtkostenersparnisse, günstiges Einkaufen und vieles mehr... Ich konnte meine Lebenshaltungskosten halbieren und den Standart verdoppeln...
Fazit: Alles ist möglich und in der Stadt ist man auch mit einem behinderten Kind oder kleinen Kindern durchaus in der Lage zu arbeiten, wenn man das denn möchte. Ein behindertes Kind hat hier viel mehr Möglichkeiten gefördert zu werden.
Wenn Du allerdings untertauchen willst, dann lieber nicht in Berlin... Hier wird Hand in Hand gearbeitet. Aufgedrängt hat sich hier noch niemand, aber da ist immer jemand... Vorteil, die meisten Leute sind hier doch zu beschäftigt, um sich ungefragt einzumischen, anonymer ist es schon...
Anne _________________ DUM SPIRO SPERO
(solange ich atme, habe ich Hoffnung) CICERO
Benedict 06/99, Osteopathia striata, Z. n. Analatresie,neurogene Blasenentleerungsstörung, tracheotomiert, re. blind., Syndakt. beider Hände, Fibulaapplasie beidseits,Makrocephalie, Gaumenspalt u. e. mehr
Tochter A. 01/96, in der Grundschulzeit Absencen
Ich bin auch sehr froh, in der Stadt zu leben. Man hat gerade mit behinderten Kindern viel mehr Möglichkeiten, z.B. Arzt oder Therapeuten, Schule und andere Stellen.
Ich erlebe gerade bei einer Schulfreundin, die auch ein HC-Kind hat, wie sehr die Kleinen auf dem Dorf doch abgelehnt werden. Wahrscheinlich stellen sich die Leute da noch Monster mit Riesenköpfen vor, die völlig plem-plem sind, und keine Kinder, die doch mehr oder weniger normal aussehen. Meine eigenen Eltern haben unseren Sohn auf dem Dorf lange Zeit verschwiegen gehabt, auch aus dem Grund, dass ja die Leute tratschen könnten.
Überlege es Dir gut, was die Vorteile vom Leben auf dem Lande sind. Hast Du Familie/Freunde da, die Dich unterstützen? Wie sieht es mit Arbeitsplatz aus? Wie hoch liegen die Kosten für Wohnung und Fahrtkosten zur Arbeit/Therapie etc.? Rechne mal zusammen, ob Du da in der Stadt nicht billiger wegkommst.
Hallo,
oh ja, das kenn ich so gut. Manchmal macht es mich traurig, manchmal wütend, immer öfter läßt es mich aber total kalt. Wir leben mit zwei behinderten Kindern in einem kleinen Dorf in der Nähe einer Kleinstadt. Das ist der reine Horror. Jeder kennt mich (auch wenn er noch nie mit mir gesprochen hat), die meisten haben soviel Mitleid, das es mich fast erdrückt, manche sind scheinbar auch ein wenig ärgerlich, dass wir nach einem behinderten Kind nicht ganz aufgehört haben, welche zu wollen und zu bekommen. Was solls. Schlimm finde ich, dass sie mich immer dann erwischen, wenn ich meine Familie gerade völlig normal finde, mit allem im Reinen bin. Dann ziehen mich diese "arme Familie" Kommentare mächtig runter. Ob es in der Großstadt besser ist? Keine Ahnung. Dumme Menschen gibts schließlich überall.
Liebe Grüße
Claudia
Also mir geht das auch so.
Ich wohne in einem kleinen Dorf mit 3000 Einwohnern.
Ich erlebe es auch täglich, ich fahre auf einem Dreirad, wegen meinenGleichgewichtsstörungen.
Überall wird einem hinterher geschaut und dann werden die Köpfe zusammen gesteckt "schau mal die fährt auf nem Dreirad, guck mal wie die geht"
In den größeren Städten ist das anders, da werden mir die Türen offen gehalten, klar- es gucken auch ab und zu mal die Leute hinter mir her.
Wenn ich mein eigenes Geld verdiene, möchte ich vielleicht nach Hamburg ziehen. _________________ Laura (10/88) Kloakenfehlbildung, inkompl. VACTERL-Syndrom, caudales Regressionssyndrom, Sacrumdysplasie, Hysterektomie (12/06), Mitrofanoff-Stoma (08/08), chron. Nierenversagen(Stadium V) seit 3/10 dialysepflichtig, hochgrad. Latexallergie
Ihr lacht über mich, weil ich anders bin- Ich lache über Euch, weil ihr alle gleich seid.(K.Cobain)
ich glaube es liegt daran, dass sich über "negative"/ traurige Sachen besser stundenlang tratschen läßt....
Natürlich sind die anderen dann auch immer froh, dass es sie nicht selbst betrifft.
Das man auf Sätze wie "oh, die Mutter hat es aber nicht leicht..." gut verzichten kann spielt da keine Rolle.
Wie schon gesagt wurde : ein dickes Fell anlegen....
Heike _________________ Heike(*75) mit Luca(*03,Hypophyseninsuffiziens, stark hypoton, geistig retardiert und allg. Entwicklungsverzögerung - ohne Diagnose)Lena (`95) und Tobias (`97) an der Hand und Bea (*12/01 †11/02 Hypophyseninsuffiziens)) im Herzen
Ich möchte nicht in einer ländlichen Gegend wohnen, obwohl ich das Land total mag! Aber ich weiß, dass da echt andere Sitten und Gebräuche herrschen... Mein Bruder hat ins Land "eingeheiratet", und das frisst einen echt auf mit all´den sozialen Augen, die einen begutachten und der gewissen Doppelmoral. Mein Schlüsselerlebnis war eine Kindstaufe. Das Kleinchen war mehrfach behindert. Die Feier war total toll und fantasievoll gestaltet-mit Klampfenmusik und schöner Atmosphäre. Und hinterher, beim Kaffee, sagte eine Frau, die sich als tiefgläubige Katholikin bezeichnet, im Chor trällert und alles mitmacht, was Frauen traditionsgemäß in so "dörflichen Gemeinschaften"treiben:"Also nääää! Wat war datt denn? Wenn isch so´n Kind hätt, tät ich uns schööö verstecken!" Da kam mir glatt der Kuchen hoch. Und die war kein Einzelfall... Verlogenes Volk... Das passiert dir in der Stadt so nicht. Auch ist es gut, die Wahl zu haben (Ärzte, Therapeuten, Schulen etc,).
ich glaube auch, daß das "Geklüngel" und "Gerede" überall gleich ist. Wir wohnen in einer Großstadt (ok. gerade-so-Großstadt) und haben die gleiche Erfahrung gemacht.
Gerade die Verbindung Amtsarzt und Kindergarten scheint sehr beliebt zu sein.
Als ich den Termin bei der Amtsärztin für die Eingliederungshilfe ausmachen wollte, mußte ich mir anhören, daß sie (die Ärztin) schon immer der Meinung war, daß Konrad ein Fall dafür ist. Ich kannte die Frau bis dahin nicht - aber sie wußte alles. Das ging in der Untersuchung so weiter. Als Konrad alle Aufgaben richtig erledigte (was ich erwartet hatte) unterstellte sie mir ich hätte mit ihm geübt .
Naja in so einem Weiberhaufen, wie es ein Kindergarten nun mal ist, braucht man eben was zum tratschen.
Was das Schweigen an geht, glaube ich, daß es egal ist was und wieviel man erzählt. Ich habe auch viel erzählt aber der "Tratschschaden" basiert nicht auf dem Erzählten sondern beinhaltete völlig andere Dinge. Ich denke immer noch, wenn man allen alles erzählt ist man weniger angreifbar - weil sowieso schon alle alles wissen.
Die "Opferschiene" zu verlassen ist, besonders in Situationen, in denen man sich selbst verstärkt Gedanken um sein Kind macht, schwierig. Ich erwische mich dann manchmal dabei ebenfalls viel Negatives weiter zu geben oder auf allgemeine Fragen mit dem Gesundheitszustand Konrads zu antworten - eben aus der eigenen Angst heraus. Da sollte man sich wahrscheinlich zwingen positiver zu berichten und das Augenmerk der anderen eben auf die erfreulicheren Dinge lenken.
Zu Zeit bin ich die "Heulsuse" und "Meckertante". Die lieben Erzieherinnen aus Konrads (neuen) Kindergarten berichten mir jeden Tag von niedlichen Begebenheiten und ich frage immer nur nach der Häufigkeit seiner Aussetzer - also genau andersrum ...
Da kommt mir gerade eine Idee: vielleicht muß man selber negativer sein damit die anderen positiv sind?
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