du weisst, dass die Verarbeitungsphase vorbei ist, wenn es dir wieder besser geht. Wenn du nicht mehr das Gefühl hast, dass dir jede kleine Entscheidung, jede Arbeit zu viel ist. Wenn du keine Angst mehr hast raus zu gehen und du dich mutig den Blicken und möglicherweise Fragen von Freunden und Unbekannten stellen kannst.
Ja, ich hatte Hilfe. In unserer ganz schlimmen Zeit mit 3-monatigem Krankenhausaufenthalt zur Epilepsie-Therapie bin ich regelmäßig zum Krankenhauseigenen Psychologen gegangen und hab mich dort "ausgekotzt". Dort durfte ich von meinen bösen Gedanken und Wünschen sprechen. Ich denke du weisst wovon ich spreche.
Danach habe ich das in ähnlicher Form bei Freundinnen weitergefüht. Es war die Flucht nach vorne. Ich wusste, wenn ich mich weiter verstecke und verkrieche, komme ich aus dem Loch niemals heraus. Also hab ich unsere Geschichte meinen Freundinnen erzählt und auch über meine Ängste gesprochen, z.B. dass sie mich meiden könnten wegen meines Sohnes. Ich hab so lange und so oft mit so vielen Leuten darüber geredet bis das Problem derart zerredet war, dass es nicht mehr soooo groß war.
Achja, und in einer Selbsthilfegruppe, die sich 1 x im Monat traf war ich auch. Sie wurde ebenfalls von einem Psychologen geleitet und es war eine Selbsthilfegruppe, an der auch die Ehemänner teilgenommen haben. Dort erst hat mein Mann das erste Mal seine Probleme mit der Familiensituation reflektieren können. Vorher hat er sich doch eher in die Arbeit "geflüchtet" und die häuslichen Probleme verdrängt. Diese Gespräche haben uns sehr zusammengeschweisst. Wir wussten viel besser, wie der andere denkt. Dort haben wir dann gelernt Hilfe anzunehmen und uns mal nur um uns als Paar zu kümmern. Das hat gut getan. Nach ca. 2 Jahren endete die Gruppe, weil der Psychologe weggezogen ist. Aber dann war es auch okay. Wir konnten alleine weitermachen.
Natürlich gibt es heute immer wieder Phasen, in denen ich das Gefühl habe, es nicht mehr zu packen, vor allem, wenn mal wieder eine neue Diagnose dazu kommt oder Verschlechterungen eintreten. Aber inzwischen bin ich so gefestigt, dass ich mich am eigenen Schopf dort wieder rausziehen kann (auch ohne Fingernägel ).
Ich hoffe, dass ich ein wenig mit meinen Erfahrungen helfen konnte.
Ach Andrea, noch was: bleib ruhig bei deiner kaufmännischen Ausbildung. Auch ich habe zwischendurch gedacht, wie sinnlos das alles ist. Heute bin ich wieder halbtags berufstätig. Als ich anfing, war mein Sohn 4 Jahre alt und ich hatte mich schon damit abgefunden wohl nie wieder arbeiten zu können. Aber dann hat mir doch noch jemand die Chance gegeben.
Jetzt genieße ich es, in meinem erlernten Beruf zu arbeiten (Kauffrau im Außenhandel) und dort mit ganz anderen Problemen konfrontiert zu sein, die nichts mit Behinderung oder Medizin etc. zu tun haben. Irgendwie behalte ich dadurch einen Draht zur Welt der "anderen".
Wie schon geschrieben wurde, sehe ich es auch so, dass du nun endlich Zeit hast, deinen Gefühlen und Gedanken nachzugehen.
Vorher hast du vielleicht einfach nur funktioniert und du konntest dir gar nicht erlauben, in ein Loch zu fallen.
Ein besonderes Kind zu haben, mit ihm zu leben, stellt erstmal alles auf den Kopf! Es ist eine grosse Trauerarbeit, das alles zu verkraften. Und das ist anstrengend! Geistig wie körperlich!
Wenn ich merke, dass mir alles zu schwer und zu viel wird, erinnere ich mich an die Johannistropfen, nehme sie ein paar Tage und schon gehts mir wieder besser.
Versuche es doch einmal.
Und wie oben auch geschrieben, reden, reden, reden, oder schreiben, schreiben.
Man weiss, dass schlimme Situationen durch reden gebessert werden. Mit jedem Mal, wo du von deinem Kind erzählst, von seinen Schwierigkeiten, wird die Realität etwas besser fassbar.
Viel Kraft für die nächste Zeit!
LG Christine _________________ Christine 64, F 65, C 92, A 95, O 96(Asperger Autist), J 98 & Philipp 01 (frühkindlicher Autismus, Sprachbeginn mit 4 1/2, noch immer 1-2 Wort Sätze, Microdeletion 22q13.33 Phelan Mc Dermid Syndrom)
unsere Vorstellung http://www.REHAkids.de/phpBB2/viewt.....3943&highlight=#73943
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Verfasst am: 02.08.2007, 14:21 Titel:
Zum Thema Job: es kommt einem tatsächlich ziemlich hohl vor, sich mit irgendwelchen wirtschaftlichen Fragen zu beschäftigen, wenn man genau weiß, dass das irgendwie egal ist. Aber schließlich muss man ja von was leben. Ich hoffe ich finde einen "guten Arbeitgeber" mit ein bißchen Flexibilität. Ich befürchte nur, dass ich die Erkenntnis, das alles nicht so bedeutend ist, ziemlich oft ausstrahle und dadurch irgendwie ... hm ... nicht so gut rüberkomme. Da fehlt mir noch das rechte Maß - Balance. Ich befürchte auch immer, dass "die Leute" das nicht nachvollziehen können,was ich so denke und fühle, da mein Kleiner bis jetzt einfach viel Glück hatte. So nach dem Motto "was will sie eigentlich, ist doch alles in etwa ok". Besonders bei den Krankenhausaufenthalten, bei denen man viele schlimmer Betroffene trifft, ging es mir so. Die Eltern waren oft besser "drauf" als ich und dann kam ich mir noch bescheuerter vor. Ach Mann. Blödes Kopfkino! Ich werde mir Eure Ratschläge zu Herzen nehmen und versuchen, besser damit klarzukommen.
LG _________________ mit Sonnenschein (idiopathisches West-Syndrom, BNS-Krämpfe, entwicklungsverzögert)
Also ich steh mit deinem Post voll hinter dir, die Sinnfrage erscheint oft einfach zu stark, gerade wenn man in nem Dienstleistungbetrieb arbeitet...
Dass das aber nicht böse gemeint ist verstehen die aber nicht....
Verstehe dich voll und ganz!! _________________ Andrea, *88 Personalsachbearbeiterin und stolze Mama mit Adrian,*11.04.06,Mikrodeletion 1p36.3,Muskelhypotonie,frühkindliche Epilepsie,Gehirnblindheit,mentale Retradierung... trotzdem den ganzen Tag am lachen
Karlsruhe ist nicht ganz Nachbarschaft, aber auch nicht unerreichbar (Ditzingen liegt kurz vor Stuttgart), schätze ca. 1 Std. Fahrt. Wir sind jetzt zwei Wochen unterwegs, danach habe ich Zeit.
Zur Arbeit: ich bin kurz nach Amelies Unglück wieder mit ein paar Stunden angefangen, und habe gespürt, dass es besser ist als jede Psychotherapie: man hat einfach wieder Kontakt zum ganz normalen Alltagsleben mit seinen Alltagsproblemchen, und das tut gut. Nur sollte einen der Umfang der Arbeit nicht überfordern, und das ist sicher nicht so leicht, einen solchen Job zu finden.
LG
Britta _________________ Amelie (*05), hypoxischer Hirnschaden durch near-missed SIDS, Z. n. BNS-Epilepsie, Button, Tetraspastik, cerebral blind, Hüftluxation
Ich befürchte auch immer, dass "die Leute" das nicht nachvollziehen können,was ich so denke und fühle, da mein Kleiner bis jetzt einfach viel Glück hatte. So nach dem Motto "was will sie eigentlich, ist doch alles in etwa ok". Besonders bei den Krankenhausaufenthalten, bei denen man viele schlimmer Betroffene trifft, ging es mir so. Die Eltern waren oft besser "drauf" als ich und dann kam ich mir noch bescheuerter vor. Ach Mann. Blödes Kopfkino!
LG
Hallo Connor!
das gibts ja nicht.... endlich spricht jemand das aus was mich schon seit monaten drückt und mir nächtelang die kehle zuschnürt!!!
Ich komm mir auch so oft so blöd vor, wenn mich wer fragt wies der kleinen geht und ich sag, dass es immer noch nicht viel besser ist, sagen immer alle, wieso denn, sie reagiert doch so schön, es geht ihr doch so gut, sie ist doch so süß usw. dabei denk ich mir immer ... ihr habt ja alle keine Ahnung... ich komm mir vor wie ein Alien...
Und dann kommt noch dazu, dass mein freund die situation überhaupt nicht packt und immer nur das negative sieht. Ich versuch verzweifelt jeden abend aufs neue ihm klar zu machen, wie gut es Hannah geht, was für ein Glück wir haben und dass es normal bei BNS viel schlimmer sein könnte usw. So rede ich mir selbst immer ein, dass eh alles so gut läuft... aber gleichzeitig wird der Kloß in meinem hals immer schlimmer und größer, als ob ich mich selbst belügen würde...
Und wenn ich mich mit meinen zwei neuen Freundinnen treffe, deren Kinder noch schlimmer dran sind als meins, dann hab ich direkt ein schlechtes Gewissen, weil es Hannah nicht so schlecht geht und ich mich so "übertrieben" "reinsteigere", wo die (zumindest eine der beiden, deren sohn das BNS sehr schlimm erwischt hat, dass er gar keine entwicklung macht) anderen so gut und positiv und lebensfroh in ihrer schwierigen situation wirken...
irgendwie sind da sehr widersprüchliche gefühle fast zu selben zeit vorhanden und manchmal habe ich das gefühl fast verrückt zu werden, weil ich nicht weiß wie ich diese seltsamen Gefühle, die ich oft im alltag gar nicht einordnen kann, wieder los werde... dann verdräng ich sie, in dem ich mich ablenke und der kloß wächst wieder... verrückt
Ich studier übrigens auch und ich kann das von dir geschilderte gut nachvollziehen vorallem jetzt wo ferien sind!!! immer wenn seminare waren, gings mir eigentlich ganz gut obwohl dann ja viel mehr zu tun ist und die wochen viel stressiger und für hannah weniger zeit bleibt (da hab ich auch oft ein super schlechtes gewissen ihr gegenüber) aber man ist eben abgelenkt. Jetzt sind ferien und es gibt trotzdem wahnsinnig viel zu tun, nur eben zu hause und das meiste bezieht sich auf hannah und vorallem auf ihre krankheit bzw. entwicklungsverzögerung... da fällt es mir auch schwerer das alles zu "schlucken"...
Achja nochwas... das mit dem schlaf kenn ich: hannah hat seit ihrer geburt (fast 17 monate) vielleicht 10 nächte (dank medikamente) durchgeschlafen... das zehrt auch extrem an den kräften...
so schluss jetzt... genug wirres zeug geschrieben, sorry wollte euch nicht volllabern, aber irgendwie hats gut getan.
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Wohnort: Österreich
Verfasst am: 16.08.2007, 20:45 Titel:
Hallo,
für mich hört sich deine Geschichte schon auch ein bisschen in Richtung Burn-out an. Da würde ich an deiner Stelle etwas wachsam sein und lieber früher etwas unternehmen bevor du in ein großes Loch fällst.
Ich will dir jetzt keine Angst machen, aber was du schreibst mit der Antriebslosigkeit und dass du nicht mehr raus magst wären so typische Symptome.
Schau auf alle Fälle, dass du dir Zeit für dich selbst nimmst. Das muss nicht viel sein, ein kleiner Spaziergang am Abend in der Natur oder einfach vielleicht mal 2 Std. in ein Cafe mit eienr Freundin, jenachdem was dir Spaß macht.
Liebe Grüße
Elke _________________ Liebe Grüße
Elke
Sohnemann (5.03), Hypospadie, chron. Obstipation, Autismus-Spektrum-Störung
mit großem Bruder und großer Schwester
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