Verfasst am: 04.07.2007, 14:16 Titel: Reaktionen der Umwelt auf besonderes Kind
Hallo
Was habt Ihr für Erfahrungen gemacht, mit einem besonderen Kind im Alltag (z.B. beim einkaufen, spazieren, etc.)
Wir haben ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht, geht von Anteilnahme bis hin zum gaffen... (letzteres häufig bei Epileptische-Anfälle von Sophie-Selina) _________________ Manuel (*1978) & Natascha (*1980) mit
Sophie-Selina (*12.2006), Hemimegalencephalie (rechts), Hemisphärektomie 08.2007 in Bethel/ Bielefeld, fokale katastrophale Epilepsie (seit der OP anfallsfrei), Spastik, entwicklungsverzögert
Nele Julia (*01.2009), gesund
Hallo, da habe ich ganz unterschiedliche Erfahrungen.
Im positiven Sinne:als Jonas beim Einkaufen einen Anfall hatte stand eine Frau daneben, die hat regelrecht aufgeschrien, als sie dann gesehen hat, was mit Jonas ist, standen ihr die Tränen in den Augen und sie fragte immer wieder, ob sie helfen kann und ob es Jonas jetzt auch wirklich wieder gut geht.
Auf der anderen Seite erlebt ich leider mal einen älteren Mann imCafe, als Jonas einen Anfall bekam und sich erbrach, der gaffte die ganze Zeit, bis ich ihn fragte, ob er gerne ein Bild hätte.Darauf grinste er hämisch und murmelte etwas in den Bart in der Richtung"bei Adolf wäre das nicht passiert", darauf konnte ich dann nichts mehr sagen.
Aber meist sind die Reaktionen eher so wie erstere eher besorgt.
wir haben bisher noch keine schlechten erfahrungen gemacht. nur nette.
klar gibts auch leute, die mal länger gucken, aber die "gaffer" lächeln eigentlich. so wie man kleine kinder halt ansieht.
bei eric gucken viele vermutlich auch wegen der frisur (er trägt einen iro )
einmal starrte uns im supermarkt längere zeit ein älterer herr an (ich schätze so mitte ende 70) und ich hab mich schon drauf eingestellt, daß jetzt gleich sowas kommt:
Jutta Heilmann hat folgendes geschrieben:
"bei Adolf wäre das nicht passiert"
und hab schon innerlich meine krallen gewetzt und mich auf krawall eingestellt.
er fragte mich, wie alt das kind denn sei. ich: "zwei! warum!? "
er sagte, daß er auch einen sohn mit Down-Syndrom habe, der sei allerdings schon 45 jahre alt.
wir haben uns fast eine halbe stunde super nett unterhalten an der käsetheke
Ich denke oft sind es die schlechten Erfahrungen, die Müttern mit behinderten Kinder eine gewisse Abwehrhaltung geben.
Blicke, die man vielleicht falsch einschätzt (so wie bei Verena), Anteilnahme, die man falsch versteht, blöd ausgedrückte Sätze, die einen ungewollt verletzen...
So lange, wie ich hier im Forum lese, bemerke ich immer wieder, wie unterschiedlich wir Mütter reagieren, welche unterschiedlichen Wünsche wir an unsere Mitmenschen haben, welche Situationen den einen belasten und den anderen erfreuen.
Es gibt kein Patentrezept für die Umwelt und dadurch haben sie es manchmal auch schwer, UNS als Mütter etwas recht zu machen!
Den Spruch von ADOLF habe ich mir auch mal von einem jungen Mercedes Fahrer, der auf unseren Behindertenparkplatz parkte, anhören müssen, aber den habe ich als dumm und lebensunerfahren abgelegt, Manchmal sind solche Menschen auch ganz nützlich und man kann mal wieder seinen ganzen Frust bei denen abladen und verschont somit seine Familie
Wenn ich ehrlich bin - meine gesunden Kinder haben mir mehr dumme Sprüche, Motzereien und Peinlichkeiten eingebracht als Sina es jemals schaffen würde!!!!
LG
Susann _________________ Susann 46;T. 24; Sina 22: tuberöse Sklerose, autoaggressiv, autistische Züge, schwermehrfachbehindert; L. 12: Frühchen 31 W 1T, Herzklappenfehler(erledigt)
ich habe auch schon viele Erfahrungen gemacht, aber bei einer bin ich besonders über meine Reaktion (innere) erschrocken:
wir stehen alle 4 an der Wursttheke im famila-Center.
Der Verkäufer "gafft" meinen Sohn an, fragt, was er hat ich natürlich voll die ablehnende Haltung "WARUM?!!!!", er fragt nur, weil er einen behinderten Neffen hat
Anne _________________ DUM SPIRO SPERO
(solange ich atme, habe ich Hoffnung) CICERO
Benedict 06/99, Osteopathia striata, Z. n. Analatresie,neurogene Blasenentleerungsstörung, tracheotomiert, re. blind., Syndakt. beider Hände, Fibulaapplasie beidseits,Makrocephalie, Gaumenspalt u. e. mehr
Tochter A. 01/96, in der Grundschulzeit Absencen
wir haben bislang keine negativen Erfahrungen gemacht, eher überraschende. Z. B. war ich mit Johanna auf einem Spielplatz und eine andere Mutter mit ihrem Kleinkind war auch da. Unsere Kinder kletterten und rutschten eine Weile auf einer Kleinkindrutsche. Plötzlich fragt sie mich, warum Johanna denn ein Tracheostoma hätte. Ich muß wohl ziemlich verblüfft geguckt haben, denn sie fügte gleich hinzu, dass sie HNO-Ärztin ist. Wir haben uns dann auch nett unterhalten.
Daniela _________________ Johanna *11/2002 (Hirntumor an Stammhirn und Rückenmark Astrozytom Grad I, Trachealkanüle), † 09.08.2011
Mascha *9/1999, Hirnreifungsstörung, Angststörung, selektiver Mutismus, teilkontrakte Spitzfüße
Bei mir ist es eigentlich genau der umgekehrte Fall. Da man Vivienne nichts ansieht, werd ich immer angeglotzt wie ne bekloppte, wenn ich erzähle, was sie hat und das sie den KIGA wechseln wird usw.... Ich krieg dann immer zu hören "ach was, is das denn wirklich nötig" und "das kind is doch net behindert" und "das kommt schon alles noch, die einen lernen schnell, die anderen langsam". Mich regt auf, das Leute nicht begreifen wollen, das ich ein besonderes Kind hab, natürlich im Vergleich zu einigen von hier, sind wir noch sehr gut dran. Trotzdem ist es für mich als Mama schwer und es hilft mir nicht, wenn mir Leute noch einzureden versuchen, ich würde meinem Kind nur schaden, derweil ich nur das Beste für sie will.... Wenn ich dann Vergleiche höre wie z.B., letztens die Freundin meiner Mutter "ach was, mein Sohn hat auch mit 5 noch in die Windel gekackt, weil er zu faul war aufs Klo zu gehen".... HALLO von faul kann ja wohl kaum die Rede sein, wenn mein Kind von der Reife her noch gar nicht in der Lage ist auf die Toilette zu gehen oder zu sprechen oder Emotionen auszudrücken... Mich macht das wütend......... _________________ Wenn dich jemand auslacht, dann lächle zurück. Oft hat der der dich auslacht, ein Lächeln bitter nötig...
V. (10/04) FraX-Sonnenschein
F. (01/10) bislang gesund
neben ein paar blöden Sprüchen haben wir auch nette Aufmerksamkeiten bekommen.
Häufiger bekam ich zu hören: Aber sie geben ihr Kind doch nicht in ein Heim?- Bloß nicht.
Ich mußte es schon mal versprechen, damit die Dame weiterging.
Seit Jamie ihre Rolli- Karre hat(oben Karre, unten Rolli) ist es für die meisten auch ersichtlich, dass mit Jamie "wohl" was nicht i.O. ist, seitdem kommen nicht mehr (oder selten)Sprüche wie ;ist sie nicht etwas zu groß für die Karre oder warum läuft sie denn immer noch nicht.
Wir haben fast nur noch positive oder anteilnehmende(bei Wutanfällen von Jamie)
Bemerkungen.
auch unserem Sohn sieht man seine Behinderung nicht an.
Er fällt nur durch sein Sozialverhalten und seine ( meist nicht vorhandene ) Sprache auf.
Ich habe auch immer wieder Sprüche gehört wie :"Der braucht nur mal ordentlich was auf den Hintern" oder "Bei uns hätte es das früher nicht gegeben".
Auf diesen Satz habe ich tatsächlich mal wütend geantwortet. " Ja, wie man diese Dinge zu Ihrer Zeit erledigt hat weiß man ja. Das wird es zu meiner Zeit nicht geben." War vielleicht nicht sehr fair, hat damals aber gut getan.
Ich habe aber festgestellt, wenn man offen mit der Behinderung umgeht, sind die Menschen gleich viel toleranter und meist auch beschämt, wenn sie vorher was unhöfliches gesagt haben. Zumindest habe ich diese Erfahrungen gemacht.
Ich glaube aber, daß es Unterschiede gibt. Bei einigen Behinderungen reagieren die Leute seltsamer Weise toleranter und mitfühlsamer als bei anderen. Wäre vielleicht mal interessant zu erfahren, warum das so ist.
Liebe Grüße.
Uta _________________ Uta (71) Wolfgang (68) Leon (08.09.98) Yannik (05.08.99/ frühkindl. Autismus)
Kindern mit Wahrnehmungsproblemen sieht man ihre Schwierigkeiten ja nicht direkt an und wie soll "Otto-Normalo" dann auch so schnell kapieren, dass sie auf das, was sie anders wahrnehmen auch anders reagieren.
Das hängt z.T. auch mit DEREN unzureichender Erfahrungswelt zusammen.
Im Prinzip hilft da nur eines: "Otto-Normalos" Erfahrungshorizont freundlich-bestimmt durch eine kurze erklärende Aussage erweitern und wer dann noch meint, blöde Bemerkungen machen zu müssen, der hat eigentlich nur noch ein mitleidiges Lächeln verdient.
Man muss auch die Einschränkungen eines "Normalos" akzeptieren - so tolerant sind wir doch wohl
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