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Christoph
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BeitragVerfasst am: 04.01.2007, 14:00    Titel: Antworten mit Zitat

Volker VB hat folgendes geschrieben:
Aber gerade sog. Philosophen liefern mit ihren Denkmodelle die Grundlage für staatliche oder gesellschaftliche Reaktionen und Modelle.
In der Nazizeit war es sicher staatlich verordnet -- aber auch trotzdem von vielen zumindest billigend in Kauf genommen und geduldet. Und das macht diese Denkmodelle so gefährlich..


1. Inwieweit Philosophen Denkmodelle für konkretes staatliches Handeln liefern, wage ich zu bezweifeln - aber das ist nur am Rande ein Problem. Eine Gleichsetzung, wie du sie hier vornimmst, kann aber m.e. nur schaden:
a.) die Nationalsozialisten hatten eine konkrete Vision einer gleichgeschalteten Volksgemeinschaft rassischer Arier. Juden, Behinderte, Zigeuner etc. galten als Parasiten am "Volkskörper" und mussten ausgerottet werden. Das hat aber mit Singers Vorstellungswelt nix zu tun. b.) Auch die Billigung oder Duldung ist eine in einer Diktatur nur schwer messbare Größe und es bleibt unserem Bauchgefühl überlassen, das damals demoskopisch nicht erfasste Verhalten der Bevölkerung einer bestimmten Haltung zuzuordnen. (Vgl. dazu die ganz aktuellen Überlegungen zum Thema historische Demographie in: Longerich, P.: "Davon haben wir nichts gewußt" und Aly, G,: Volkes Stimme, Skepsis und Führervertrauen im Nationalsozialismus.)

Volker VB hat folgendes geschrieben:
Vor allem auch vor dem Hintergrund der Kostendiskussion, die ja ebenfalls mit eine Rolle spielt. Und das wiederum ist eine sehr aktuelle Problematik.


b.) Im Rahmen der nationalsozialistischen Massenmorde an Juden, Behinderten, Zigeuner, Assozialen und Kriegsgefangenen spielte eben die Wirtschaftlichkeit keine Rolle. Ob der Volkswirtschaft ein materieller Schaden entstand oder nicht, dies durfte den Massenmord nicht behindern. Die aufgeführten Kostengründe ("ein Behinderter kostet die Volksgemeinschaft am Tag XY RM... ") dienten alleine der Propaganda. Man könnte daraus eher ableiten, dass sich die Nationalsozialisten eben nicht sicher sein konnten, ob die breite Bevölkerung die Ermordung aller Behinderten mittragen würde und die Bevölkerung deshalb entsprechend bearbeitet werden musste.

Das Thema sollte m.E. daher eher dem folgen, was du in deinem ersten Beitrag angedeutet hast: wie greifen solche Debatten in unsere Wahrnehmung ein, welches Bild von Behinderung entwickelt unsere Gesellschaft und welcher Umgang mit Behinderung wird dadurch forciert. Aber nicht auf der Ebene der staatlichen Institutionen, sondern auf der Ebene der Individuen, bestimmter Berufsgruppen, Beratungskonzepte und was so alles damit zusammenhängt. Es braucht keinen staatlichen Tötungsapparat, wenn alles dahingehend zusammenspielt, dass Familien zukünftig via Pränataldiagnostik Behinderungen früh erkennen können und dann alle, aber auch alle Instanzen auf eine Abtreibung hinarbeiten bzw. wenn denn doch ein behindertes Kind zur Welt kommt, ein Sterben lassen gesellschaftlich akzeptiert ist.

Christoph

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Volker VB
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BeitragVerfasst am: 04.01.2007, 15:59    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Christoph,

das aber ist doch das gefährliche an dieser These!
Diese These beinhaltet Aspekte, die durchaus diskussionswürdig sind. Und mit der Kostendiskussion kann genau dieser Effekt erzielt werden, das es gesellschaftlich "en Vogue" wird, das diese Systematik anerkanntes gesellschaftliches Wertedenken wird!

Ich gebe Dir durchaus recht, dass das nationalsozialistische Euthanasie-Tötungsprogramm eine ganz andere Dimension hatte, andere Ansatzpunkte.
Wo ist aber der Unterschied, ausser der "staatlichen Verordnung", wenn in der Gesellschaft dieses Singer´sche Denken Einzug gehalten hat und eine Spätabtreibung als gesellschaftliche Notwendigkeit betrachtet wird?

Nur, weil diese Gesellschaft diese Entscheidung dann auf demokratischen Wege finden würde? Sicher nicht! Denn der Kontex ist in beiden Fällen der gleiche: es wird aus gesellschaftspolitischen oder vermeintlich ethischen Gründen Leben selektiert und vernichtet --- und das ist so oder so völlig inakzeptabel. Und genau hier sind m.E. auch die Parallelen zur nationalsozialistischen Euthanasie -- unabhängig davon, welche politische Grundüberzeugung oder welches Weltbild dahintersteht.

Übrigens haben alle Diktaturen auch ihre Vordenker und Chef-Ideologen. Und mit Hilfe der Propaganda kann eine gesamte Bevölkerung manipuliert werden. Und das ist m.E. so auch im dritten Reich passiert. Und ich möchte hier keine Kollektiv-Verurteilung betreiben. Wie so etwas funktiuniert kann man in einem sehr zu denken gebenden Buch nachlesen, das auf einer wahren Begebenheit basiert:

www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3473.....3580082/rehakdasforum-21/

Und gerade aus diesem Aspekt heraus sind solche Thesen und Gedankenansätze mehr als gefährlich.

liebe Grüße
VOLKER

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10/1963 (wohnhaft im Kraichgau, der deutschen Toskana)
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Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, so würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen -- Martin Luther
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tina40
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BeitragVerfasst am: 09.01.2007, 16:47    Titel: Antwort Antworten mit Zitat

Hallo,gerade gestern sprach mich meine Freundin darauf an, ob ich diese Sendung gesehen hätte. Ich habe sie leider ?? oder besser zum Glück verpaßt. Allein schon,was meine Freundin über diese Sendung gesagt hat, finde ich unmöglich,; dass ein Typ so ungehemt mit so einer Meinung auftrten kann.... Ich denke, dass auch Frau Maischberger dieses Thema -selber hochschwanger- so diskutieren kann-ich glaube, das hätte ich nicht gekonnt..
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Renate63
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BeitragVerfasst am: 13.01.2007, 22:52    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Heike,

genau das habe ich vor Dir auch geschrieben. Diese Spätabtreibungen sind ein deutscher Skandal !! Nur die Öffentlichkeit kriegt ihn nicht wirklich mit.

Anette

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