Verfasst am: 08.10.2006, 09:41 Titel: Jan hat Angst vor Straßenlärm
Hallo,
wir haben da ein großes Problem. Jan ist ein Frühchen (25. SSW), blind, hat eine leichte Epilepsie, ist entwicklungsverzögert (läuft nicht, sprich nicht usw.). Seit ungefähr 2 Monaten können wir mit Jan kaum noch rausgehen. Wenn Autos vorbeifahren dreht er total durch. Er schreit, schlägt um sich, haut sich selbst und ist nicht mehr zu bändigen. Wir wissen einfach nicht, was wir machen sollen. Wir würden so gern viel mit ihm unternehmen, aber selbst ein Besuch bei der Oma oder beim Arzt wird zur Tortur, weil Jan alles zusammenschreit. Hat einer vielleicht mal ähnliches erlebt und hat einen Tipp für uns?! Das wäre schön, denn diese Situation belastet uns sehr.
Gruß an alle _________________ Jan *1999, Frühchen, Blindheit..
Hallo Andrea,
ich weiß leider nicht, wie alt Dein Sohn ist und ich habe auch nur eine Idee - ob sie funktioniert, mußt Du ausprobieren. Ich denke, die Geräusche der vorbeifahrenden Autos machen Deinem Sohn Angst und deshalb schreit er. Ihr müßt also versuchen, den Ausgang mit ewas Positivem zu verknüpfen. Ein Spielzeug, eine Spieluhr, ein allerliebstes Schmusetier - etwas, was Dein Sohn besonders gerne mag - ES MUSS MIT AUF DIE STRASSE !!! Vielleicht kannst Du ihn auch jedesmal ablenken, wenn ein Auto vorüberfährt - mit singen o.ä. Ich würde die Ausflüge zunächst nur ganz kurz gestalten und dann immer länger ausdehnen - bis er sich daran gewöhnt hat .
Tut mir leid, aber mehr fällt mir jetzt auch nicht ein......
Viel Erfolg und herzallerliebste Grüße
Heike
wir hatten ähnliche Probleme beim Autofahren. Noah hat sich blau gebrüllt und steif gemacht und für uns war es eine Tortur, aber nun mussten wir trotzdem ständig mit dem Auto fahren. Noah ist auch blind und hat zusätzlich extreme Wahrnehmungsstörungen. Wenn man früher mit ihm schmusen wollte oder ihn streicheln konnte er nichts damit anfangen, er hat sich extrem gewehrt, sobald für ihn uneindeutige Situationen oder Reize kamen.
Mittlerweile hat er sich gut an viele Situationen gewöhnt und ist bei weitem nicht mehr so schnell aus der Fassung zu bringen, mittlerweile fährt er relativ entspannt Auto. Ob man das wirklich trainieren kann, kann ich nicht sagen, wir sind einfach weiter Autogefahren und haben ihn der Situation aussetzen müssen. Irgendwann haben wir laut Musik gehört, damit wir sein Brüllen übertönt haben und vielleicht hat Noah gemerkt, dass wir irgwendwann recht entspannt waren, trotz seinen Brüllattacken. Wenn ich die Konsequenz daraus gezogen hätte und das Autofahren vermieden hätte, würde er heute sicher noch genauso verstört reagieren. So wie es Heike beschreibt würde ich es auch versuchen, denn du kannst diese Situationen einfach nicht vermeiden, du kannst ja nicht deswegen zuhause bleiben um ihm oder dir das zu ersparen. Das das wirklich bis an eure Grenzen geht, kann ich sehr gut verstehen, ich hätte vor jeder Autofahrt heulen können, aber unsere Ausdauer hat sich gelohnt.
Ich kann mir auch vorstellen, das bei Noah im Laufe der Zeit wieder neue Geräusche oder Situationen kommen werden, die er nicht einordnen kann und dann wirklich verstört reagiert, aber man muss durch diese Situationen durch auch wenn es Nerven kostet, denn vor bestimmten Aussenreizen wirst du dein Kind nicht schützen können, vielmehr müssen wir Eltern unseren Kindern Hilfestellung geben, diese auszuhalten.
Alles Gute und starke Nerven
Bianca _________________ Sohn: 6/2004, Frühchen 25. W., PVL, Microcephalus, Epilepsie, Tetraspastik, blind, Skoliose, Hüftsubluxation, Thrombozytopenie und E. 2/2002 gesund
Hallo Andrea,
wir hatten mit Nina, Extremfrühchen und sehr stark sehbehindert, ebenfalls ähnliche Probleme. Die Geräusche im Straßenverkehr haben sie die ersten beiden Jahre in Panik versetzt. Wir sind dann überwiegend im Wald spazieren gegangen und haben dicht befahrene Straßen gemieden. Mit der Zeit hat sie es dann akzeptiert, dass immer mal ein Auto vorbeifährt...Mitlerweile ist das alles zum Glück kein Problem mehr und wir können auch in der Stadt spazierenfahren.
Wie ich sehe ist Dein Sohn aber auch schon ein bißchen älter! Hatte er diese Angst von Anfang an, oder ist sie jetzt erst gekommen?
Wir hatten nämlich mit Nina im letzten Jahr ein ganz schlimmes halbes Jahr, wo sie vor allem und jedem Angst hatte. Es gab nicht einen Tag ohne Pankiattacken. Es war grausam, nur zu Hause hatte sie das nicht. Natürlich war es überhaupt nicht alltagspraktikabel, mit ihr nichts mehr zu unternehmen - davon abgesehen musste sie ja auch in den Kiga...Trotzdem, es war eine schlimme Zeit für uns alle, und den Grund dieser Phase haben wir bis heute nicht herausbekommen.
Falls es Dir etwas Mut macht, kann ich Dir jedoch sagen, dass nachdem sich diese Panikattacken genau wie sie gekommen waren auch wieder verflüchtigt haben, Nina riesige Entwicklungsschritte gemacht hat.
Vielleicht ist das bei Jan ebenso. Vielleicht realisiert er erst jetzt richtig seine Umwelt und kann das, was er nun wahrnimmt, erstmal nicht verarbeiten!
Als Tipp würde ich Dir empfehlen mal einen Osteopaten aufzusuchen- Ich hatte das Gefühl, dass Nina das sehr geholfen hat!
Alles Gute und haltet weiter durch - ich weiss aus eigener Erfahrung wie schlimm so etwas ist, weil man seinem Kind ja nicht noch zusätzliches Unbehagen verschaffen will, aber weiss, dass man ihm auch keinen Gefallen tut, wenn man sich noch mehr abkapselt...Ich war damals nervlich ebenfalls total am Ende, und ich weiss auch nicht, wie es weitergegangen wäre, wenn diese Panikattacken nicht irgendwann aufgehört hätten!
viele Grüße
Sandra _________________ Sandra (41) und Max (41) mit Nina, 11, geistig und körperlich schwer behindert nach Frühgeburt. 25.SSW, 530g, sehr starke Sehbehinderung, keine Sprache, autistische Züge, infektabhängige Anfälle und vieles mehr
& Lukas, geb. 19.06.2008
fenja war immer sehr geräuschempfindlich wenn sie einen paukenerguss hatte.
einerseits hat sie leise geräusche nicht gehört, aber dann wiederrum haben ihr
laute geräusche in den ohren weh getan.
ich geh zwar nicht von aus das das der grund bei euch ist, aber vielleicht wäre
es trotzdem mal gut die ohren abschecken zu lassen.
lg
gisi _________________ Sabine mit Fenja 6/98
und Nina 10/01 frühkindlicher Autismus, seit Juni 2009 in einer Wohngruppe
Das Gegenteil von "gut" ist "gut gemeint"!
Wir hatten das gleiche Problem, als Volker kleiner war. Er schrie bei jedem Rappeln eines Lasters, bei jedem Geräusch was ihm zu viel wurde. Panische Angst hatte er vor Bohrmaschinen. Wehe, einer unserer Nachbarn im Haus bohrte mal ein Loch, da hat er die Krise gekriegt und alles zusammengebrüllt.
Wir haben dann im Krankenhaus Düsseldorf-Gerresheim bei Frau Dr. Bernemann, Päd-Audiologie (die sind auf so was spezialisiert) einen besonderen Hörtest machen lassen auf zentrale Fehlhörigkeit. Dabei stelle sich heraus, dass Volker sogar die Töne einer Hundepfeife hört, also extreme Frequenzen. Dadurch bekommt er wahnsinnig viele Infos, die das Gehirn einfach noch nicht verarbeiten konnte.
Geholfen hat uns in der ersten Zeit ein Tragetuch. Durch den engen Körperkontakt hatte er nicht mehr so viel Angst. Im Laufe der Jahre konnte er selber immer mehr Geräusche einordnen und mittlerweile sind nur noch extrem laute Geräusche für ihn irritierend.
Könnte mir vorstellen, dass es bei Deinem Sohn irgendwie vergleichbar ist, weil man doch sagt, dass blinde Menschen ein besonderes geschärftes Gehör haben. Vielleicht lässt Du mal in die Richtung checken.
hast du das Gefühl, dass es mit dem Schulanfang zusammen hängt? Er fährt ja auch nicht unbedingt so gerne mit dem Schulbus. Das heißt, wenn ich die Fahrer richtig verstanden habe, ist er ruhig, solange der Bus fährt und die Musik spielt, oder?
Vielleicht hat Jan auch Wahrnehmungsstörungen, die ihn bestimmte Geräusche und Frequenzen nicht ertragen lassen. Dann solltet ihr möglicherweise auch mal sein Gehör in einer Pädaudiologie durchchecken lassen. Ich gehe immer nach Datteln. Das ist vielleicht von euch aus auch nicht so weit weg.
Wie reagiert er denn sonst auf Geräusch zu Hause: Staubsauger, Spül- und Waschmaschine, Bohrer, etc.? Würde er Straßengeräusche von der Cassette tolerieren? Vielleicht kann man ihn auf diese Weise desensibilisieren.
Ich würde auf jeden Fall auch versuchen, ihn in immer höheren Dosen an solche gefürchteten Geräusche zu gewöhnen. Vermeidung würde es wahrscheinlich nicht besser machen.
Ich kann gut verstehen, dass euch diese Situation sehr belastet.
Wie geht es Jan jetzt (in der letzten Woche vor den Ferien war er nicht mit Jérôme im Bus)?
Liebe Grüße _________________ Claudia mit Jérôme (*4/2000, HC, blind, psychmot. Retardierung) aus Gelsenkirchen
auch Justin hat mit heftigen Wahrnehmungsstörungen zu kämpfen, entweder er schreit alles zusammen oder er rennt weg.
Seit kurzem bekommt er Ohrpax in die Ohren, so hört er die Geräusche gedämpft, das hilft.
Er mag sie so sehr, das er sogar danach fragt. (beim einkaufen und wo sonst viele Menschen sind)
Nächste Woche bekommt er eine Sonnenbrille in Sehstärke, weil er auch tierisch auf Lichtreflexe anspringt.
Ausserdem könnte ich mir vorstellen, ihm einen MP3 Player aufzusetzen, damit er seine Umwelt erträgt.(Bin eigentlich überhaupt nicht dafür, aber wenns klappt )
auch mein sohn leidet an auditiven wahrnehmungsproblemen undkann den lärm der autos in der stadt kaum ertragen und hat nur die hände an den ohren und flüchtet im laufschritt durch die strassen. wie das allerdings im zusammenhang steht ist mir bis heute einrätsel .
bei den schularbeiten können die kleinsten geräuschen stören (Spülmaschine leise oder der hund säuft aus seinem napf ) und fühlt sich empfindlich aus dem konzept gebracht
angelika _________________ angelika mit Maximilian 6/96 ADHD, auditive Wahrnehmung, Autoimmunhepatitis mit LKM Antikörpern.
Gib jedem Tag die Chance der glücklichste im Leben zu werden
Hallo,
vielen Dank für die vielen Antworten. Wir haben das mit dem Spielzeug, singen usw. alles schon ausprobiert. Er läßt sich nicht ablenken. Jan hat Hörprobleme und kann hohe Töne schlecht hören. Aber daran wird es nicht liegen, denn das war schon immer so. Und das Problem gibt es ja erst seit kurzem.
Eine Frage hätte ich da an Sandra: Was ist ein Osteopat? Sorry, kenn ich leider nicht.
Jan schreit auch beim Staubsaugen. Bohren wiederum findet er recht lustig, da lacht er immer. Also ist es hauptsächlich bei Autos. Aber ein Formel 1 Rennen im Fernsehen akzeptiert er und schreit dabei nicht rum.
Nun zu Dir Claudia! Jan hat die Woche vor den Ferien gefehlt, weil er leider ins Krankenhaus musste. Er brauchte neue Paukenröhrchen und da er sehr große Mandeln hatte, die ihm das Essen sehr erschwerten, habe wir die gleich mit entfernen lassen. Jetzt geht es ihm wieder gut und er hat das alles super überstanden . Ab nächste Woche ist er wieder da und kann den Bus unsicher machen.
Allen nochmal vielen Dank.
Liebe Grüße _________________ Jan *1999, Frühchen, Blindheit..
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