Ihr Lieben,
gerne lese ich schon seit längerem hier mit. Ich finde dieses Forum und den Umgangston hier klasse, nur eins ärgert mich: immer wieder lese ich in vielen Beiträgen den Begriff "Missbildung". Mein Sohn hat eine Lippen-Kiefer-Gaumen-Segelspalte, auch dies wurde uns von einigen Seiten als "Missbildung" benannt. Ich mag dieses Wort nicht, vor allem wegen des Anklangs an das Wort "Missgeburt" und dessen Konnotationen während des sog. "Dritten Reichs". Ich würde mir daher wünschen, dass dieses Wort nicht mehr benutzt wird. Es gibt einen besseren Ausdruck, der in der neueren medizin. Literatur gebräuchlich ist: "Fehlbildung", ist neutraler. Vielleicht könnten wir das hier durchsetzen? Würde mich freuen!
Liebe Grüße von _________________ Kirsten mit David (5/00), Fiona (5/02) und Noel (2/04), Lippen-Kiefer-Gaumen-Segelspalte rechts, und Kendra (12/08), völlig gesundes ehemaliges SGA-Baby
Tragen Euphemismen oder medizinisch neutrale noch unbelastete Begrifflichkeiten wirklich zu einer höheren Toleranz und Akzeptanz bei, oder ist es eher eine Erweiterung der political correctness?
Oder ist es für Dich eher ein persönliches Unbehagen Deinen Sohn mit einer Missbildung betitelt zu wissen?
Beispielsweise den Begriff „besonderes“ Kind habe ich erstmals nach sich anbahnender „Besonderheit“ Janas gelesen, was mich in der Verweigerungsphase ihrer Behinderungsanerkennung hinderte, das Wort „besonders“ fortan in Zusammenhang mit Jana zu gebrauchen.
Jana ist längst in meiner Akzeptanz ohne Probleme „behindert“, von mir aus auch „besonders“ (oder hat sie nicht doch eine „chronische Beeinträchtigung“?), ursächlich dafür ist eine „Anomalie“ oder „posttraumatisierte Fehlbildung“ am Kehlkopf (ja, ich mag den Begriff „Missbildung“ aus denselben Gründen auch nicht, fühle mich aber wenn die Geisteshaltung des Verwenders nicht braun ist, davon nicht gestört). Jana und letztendlich jeder „besondere“ Mensch ist für mich gerade durch Janas "Verschiedenheit" und nicht durch politisch korrekte Sprache „normal“ geworden.
Ich glaube nicht, daß sich allein über den quasi vorgeschriebenen / erbetenen Gebrauch / Nichtgebrauch bestimmter Begriffe an grundsätzlichen Einstellungen etwas ändert, zumal in diesem Forum bestimmt niemand den Begriff „Missbildung“ in seiner negativen Konnotation gebraucht.
Nichts für ungut und vielen Dank für den allgemeinen „Sprach“anstoß
Thorsten
Ps: Wären „Heilungshäuser“ und „Gesundheitsversicherungen“ nicht auch besser? _________________ Eltern von Jana, 2003, Frühchen, BPD, Kehlkopf- und Gaumenspalte, Tracheostoma, Button
Find das auch eine schöne Idee.....liebe Grüsse Jenny mit Emily _________________ Emily 12/05 Microcephalie, diskrete Muskelhypertonie,Nystagmus, Opticusathrophie...und trotzdem ein Sonnenschein
jeder mag was anderes nicht. Ich finde zum Beispiel den Begriff 'besonders' ziemlich doof. Ich bin behindert - Punkt. Das ist für mich eine Eigenschaft wie meine Haarfarbe und normal. Ich bin in keinster Weise besonders. So wie es mich als Jugendliche immer extrem genervt hat, daß meine Eltern immer meinten, mir berichten zu müssen, wo sie einen Rollstuhlfahrer gesehen haben (wurde von mir meist mit der Frage: "Und, war an dem was besonderes, hatte er grüne Haare oder drei Augen?" kommentiert - anschließend familiere Mißstimmung (Fehlstimmung?), so hätte es mich auch genervt als besonders bezeichnet zu werden.
ich kann Dein Unbehagen im Zusammenhang mit de Begrifflichkeit Missbildung schon recht gut nachvollziehen, ich persönlich spreche in der Regel auch von Fehlbildung, wobei es für mich persönlich keinen Unterschied macht.
Ich kann nicht dafür garantieren, daß mir nicht mal der "falsche" Begriff rausrutscht und ich würde mich dafür auch nicht entschuldigen.
Ich finde,daß eine bewusste Schönfärbung von Zustanden auch nichts bringt.
Was macht es denn z.B. für einen Unterschied, ob ein Kind unehlich oder nichtehelich georen wurde (nur so als Beispiel)?
Lange Rede, kurzer Sinn: Ich werde versuchen, mich daran zu halten, versprechen kann (und will) ich aber nichts...
Liebe Grüße
Dirk _________________ Papa von den 09/01 geb. Zwillingen Rebecca, gesund, und Nadja, ehem. eutrop. Frühgeb., blind, periventrikuläre noduläre Heterotopie, Hydrocephalus mit Shunt versorgt, Balkenagenesie, Kleinhirndisplasie, unterschiedlich schwere Epilepsie, geistig und motorisch retardiert, nach Unfall 2005 posttraumatischer ADH-Mangel und Diabetes Insipidus
ich finde den Begriff Missbildung auch nicht so besonders schön; einfach weil für mich da unschöne Begriffe mitschwingen, wenn ich das höre - habe den Begriff allerdings mal in die Suche eingegeben und stellte fest, dass, abgesehen von diesem Beitrag, nur sieben andere gefunden wurden, in denen der Begriff "Missbildung" verwendet wird; gebe ich nur "missbild*" ein, so sind es auch nur 29 Threads - angesichts des Umfang dieses Forums finde ich, dass das nicht besonders häufig ist. Und angesichts der Titel der Threads nehme ich an, dass sich dort auch häufig über die Verwendung dieses Begriffs beschwert wird.
Nebenbei: Habe mich mit einigen Menschen unterhalten, die Sonder- oder Heilpädagogik studieren; in diesen Fächern gibt es offensichtlich große Debatten, ob man den Begriff "behindert" noch verwenden dürfe. Ich finde, ohne mich groß in diesen Fächern auszukennen, das ziemlich albern: Behinderung ist für mich ein normaler, neutraler Begriff, der eine manchmal offensichtliche und in manchen Situation auch nicht vorhandene Eigenheit eines Menschen beschreibt - und ich frage mich oft, wozu man für einen neutralen Begriff einen Euphemismus braucht... Das klingt nämlich für mich wieder danach, als wäre eine Behinderung etwas dermaßen unnormales, etwas, das man am liebsten nicht benennen möchte - deswegen nenne ich eine Behinderung Behinderung, und nicht eine Besonderheit, nicht eine Beeinträchtigung (weil in manchen Situationen eine Behinderung nicht immer nur beeinträchtigt; wenn ich zum Beispiel auf einer Party bin und tanze, ist es in dieser Situation ziemlich egal ob ich geistig behindert bin oder nicht...) und nicht irgendwie anders...
ich finde es ok und werde versuchen, mich daran zu halten. Was das Wort "besonders" im Zusammenhang mit unseren Kindern betrifft, da würde ich schon sagen, dass es nicht nur ein Ersatzbegriff für "behindert" ist. Darüber können wir auch gerne diskutieren
LG Michael _________________ Michael für den Liebling der Familie: Lars, geb 04/03 Lumbale Spina bifida mit HC (v-p-Ableitung), Arnold-Chiari-Malformation Typ 2
"Wir neigen dazu, Erfolg eher nach der Höhe unserer Gehälter oder nach der Größe unserer Autos zu bestimmen als nach dem Grad unserer Hilfsbereitschaft und dem Maß unserer Menschlichkeit."
(Martin Luther King)
mit den Begrifflichkeiten ist es so eine Sache... Jeder hier verspürt bei einem anderen Wort Unbehagen. "Fehlbildung" finden manche sicher auch nicht so toll...
Mich erinnert das an die Änderung der Berufsbegriffe: Aus einer Putzfrau wurde plötzlich eine Raumpflegerin, aus einer Verkäuferin eine Kauffrau im Einzelhandel. - Wobei sich die Tätigkeiten ja nicht auf einmal geändert hatten.
Ähnlich geht es mir mit den Begriffen "entwicklungsverzögert" oder "entwicklungsgestört", die oft verwandt werden, um die Beschreibung "geistig behindert" zu vermeiden... An dem Zustand der Person ändert das allerdings nichts...
Natürlich sind in diesem Forum Kraftausdrücke nicht erwünscht und jemand, der sie verwendet, wird sofort abgemahnt. Das ist hier aber noch nie passiert.
Ob alle User sich an deinen Vorschlag halten, können wir nicht garantieren - das ist auch bei der Userfülle nicht möglich. Aber wie Anna schon schrieb, ist der von dir nicht gern gesehene Begriff bislang kaum benutzt worden. Und er wird vermutlich jetzt nach deinem Posting eben auch noch weniger als vorher verwandt werden.
LG
Sabine _________________ Unsere Vorstellung? -> hier klicken
Jan-Paul (10/01), schwer mehrfachbehindert ohne Diagnose, Tim-Henrik (03/05), Lea-Kristin (01/11)
REHAkids - Das Forum für besondere Kinder
Hallo,
wahrscheinlch habe ich dann genau die wenigen Beiträge gelesen, in denen der Begriff verwendet wird
Einem Posting kann ich allerdings nicht zustimmen: als Sprachwissenschaftlerin ist mir sehr bewusst, dass sich unser begriffliches Denken nicht nur stark an Sprache orientiert, sondern dass Sprache geradezu die Voraussetzung dafür ist, dass der Mensch überhaupt ein begriffliches Denken entwicklen konnte. Daher denke ich, dass es schon von grosser Bedeutung ist, womit wir etwas bezeichnen...Begriffe formen die Bilder in unserem Kopf, ob wir wollen oder nicht! Das heisst ja nicht, dass etwas "beschönigt" werden soll - aber besser das als "schlechtgeredet". In diesem konkreten Fall: die Vorsilbe "Miss-" ist einfach negativ belegt, nicht nur aufgrund braunen Vokabulars, sondern auch an sich: missgelaunt, missbilligen, missmutig...all das schwirrt dann im Kopf junger Mütter mit einem "missgebildeten" Kind herum. Das muss ja nicht sein!
Ist wie gesagt keine Forderung, sondern nur ein kleiner Denkanstoss!
Liebe Grüße von _________________ Kirsten mit David (5/00), Fiona (5/02) und Noel (2/04), Lippen-Kiefer-Gaumen-Segelspalte rechts, und Kendra (12/08), völlig gesundes ehemaliges SGA-Baby
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