Verfasst am: 28.06.2006, 14:10 Titel: Was wird bei der Frühförderstelle gemacht?
Hallo zusammen,
am Montag haben wir einen Termin bei der Frühförderstelle Offenbach, da Yves (2 jahre) keinerlei Sprache zeigt und wir beim Pädaudiologen (Gehörtest macht er in 3 Wochen) dringend Logopädie empfohlen bekommen haben. Es soll ein Diagnostikgespräch stattfinden. Heisst das, daß aufgrund eines Gespräches eine Diagnose gestellt wird? Ist da ein Arzt dabei? Eine Logopädin ist mit dabei, aber so recht weiss ich nicht was da gemacht werden soll?? Kann mir jemand helfen?
bekommt Yves denn schon Frühförderung? Falls nicht, wird es genau darum gehen, ob bei ihm Frühförderbedarf besteht oder nicht. Diese Beurteilung wird von einem Amtsarzt gestellt, der sich bei diesem Termin mit Dir und einem Vertreter der Frühförderstelle unterhält und sich (in der Regel eher kurz) das Kind anschaut.
Annette _________________ Annette *16.08.67, u.a. chronische Neuroborreliose, chronische Depression, EM-Rentnerin, GdB 50, mit Ulrich, *27.07.92, Asperger-Autismus, GdB 80, H, B, G; er lebt in WG der Mansfeld-Löbbecke-Stiftung in Braunschweig
Es kommt darauf an, wie umfangreich die Untersuchung ist. Da es die erste ist, könnten sie erst ein Mal nur einen allgemeinen Status erheben. Am wichtigsten ist zunächst der sprachliche Stand. Dafür gibt es Erhebungsbögen, die die Logopäden ausfüllen, während sie mit dem Kind Bilder durchsehen und schauen, was das Kind kennt, wie es die Dinge benennt, ob sie richtig benannt werden, wie die Aussprache ist, welche Laute vorhanden sind und welche fehlen, ob der Redefluss gestört ist, ob die Kindern stottern oder poltern und so weiter. Es ist ganz undramatisch. Daraus ergibt sich ein ganz guter Status. Das ist für die Kinder manchmal etwas langweilig, je nachdem, wer dies macht. Dazu werdet Ihr einen Elternfragebogen ausfüllen müssen. Der ist sehr detailliert, wir haben zu zweit einen ganzen Abend dafür gebraucht. Kann aber auch sein, das ihnen die logopädische Erhebung reicht.
Ein Gespräch deshalb, weil Du dann schildern kannst, welche Eindrücke Du hast, welche Sorgen, worum es eigentlich geht. Dabei ist das Kind bestenfalls nicht im Raum, die bekommen schon früh mit, dass sie nicht adäquat sind, daher versucht man ihnen das - so weit es geht - zu ersparen, wie die Eltern über ihre Defizite reden. Mache Dir keine Sorgen, die Leute sind dafür da, dass Ihr Euch besser fühlt, dass dem Kind geholfen wird, dass Ihr Abhilfe schafft bei eventuellen Hörproblemen.
Frage doch bitte nach Elternberatung im Umgang mit Sprachverzögerungen, die können die Logopäden machen, damit fördert man die Sprechfreude der Kinder. Mein Sohn beispielsweise war gerade mal wieder sechs Monate schwerhörig, sprach nur noch fünf bis zehn Worte, und trotzdem quatsche er einen den ganzen Tag voll. So etwas ist bei solchen Kindern selten, aber natürlich absolut wünschenswert, damit sie keine Angst vorm Sprechen bekommen. Uns hat vor eineinhalb Jahren eine Logopädin auf den richtigen Weg gebracht, hat uns zunächst Verhaltenssicherheit antrainiert und dann Schritt für Schritt weiter gebracht. Das ist sehr wichtig, damit das Selbstbewusstsein der Kinder nicht leidet und man selber auch erhobenen Hauptes den Idioten im Alltag entgegen treten kann. Wir sind dank der Logopädin da super durchmarschiert! Sechs Wochen nach der letzten OP können wir uns wieder einigermaßen "normal" unterhalten, weil er eben nie aufgehört hat, sich mitzuteilen.
Seid froh, dass Ihr schon so früh bei der Förderstelle gelandet seid, das dauert meistens ewig und viel zu lang. Keine Sorge, die werden sich um Euch kümmern. Falls Du sonst noch Fragen hast, immer her damit.
Verfasst am: 28.06.2006, 20:52 Titel: Vielen Dank für die Antworten und noch eine Frage..
Hallo nochmal,
ich habe bereits mit der Logopädin aus unserer Kita (ist eine integrative Kita) gesprochen, sie ist dort den ganzen Tag tätig und ist bei der Frühförderstelle angestellt. Mein großer Sohn Etienne ist dort als REgelkind und Yves soll ab Januar dann dort in den Kiga gehen. Also, diese Logopädin hat sich am Montag kurz den Yves angeschaut und einige Dinge mit ihm gemacht (malen und telefonieren), sie meinte ich solle ein paar wenige Gebärden mir aneignen, damit ich die Kommunikation unterstützen kann. Yves spricht leider kein einziges Wort, und er läuft Gefahr sehr frustiert darüber zu sein. Habt Ihr denn auch Gebärdensprache benutzt? Meine Umwelt glaubt leider nicht an Yves Sprachverzögerung, da heisst es immer nur: ach der ist nur faul, das kommt noch. Es gibt einem das Gefühl man sei eine hysterische Mutter!
Aber ich mache mir Sorgen, denn wer sagt mir ob Yves jemals sprechen wird?? ´
Oh Gott, ich habe eben laut gelacht, als ich Deine Zeilen gelesen habe, das tut mir Leid, denn es ist gar nicht lustig, das weiß ich. Ich bin exakt durch das Selbe hindurchgegangen: Das kommt noch, er ist ein Junge, er ist bloß sprechfaul, die Mundmotorik ist noch nicht ausgereift blablabla. Immer war ich letztlich Schuld: Entweder hatte ich als Mutter einen faulen Sohn herangezogen, oder ich hatte ihn traumatisiert (traumatisierte Kinder, zum Beispiel nach Vergewaltigung, können Sprachprobleme entwickeln - schönen Dank auch für die Diagnose!), oder ich war hysterisch, oder - gern genommen - ich war überehrgeizig. Ich habe nämlich das "Pech", dass ich recht eloquent und überzeugend bin und außerdem Sprachwissenschaften studiert habe. Schon beim Erhebungsbogen für die Eltern zogen die Ärzte eine Augenbraue hoch, und da blieb sie dann. Wir haben fünf (!) HNO-Ärzte verschlissen, bevor wir auch nur eine Überweisung in die Pädaudiologie bekamen, wo unzweifelhaft eine hochgradige Mittelohrschwerhörigkeit festgestellt wurde. Ich weiß also ganz genau, was Du meinst. Mich hat damals niemand unterstützt, mein Mann arbeitete zu der Zeit in den USA. Fühle Dich also von mir ganz herzlich in den Arm genommen! Du bist nicht allein, es gibt ganz viele von uns, Du kennst sie nur noch nicht, wirst sie aber kennen lernen. Okay?
Was die Gebärden anbelangt: Nimm das Angebot an, alles, was Deinem Sohn hilft, sich mitzuteilen, wirkt sich positiv aus. Da gibt es verschiedene Schulen, das wirst Du sehen, aber letztlich und unterm Strich ist nur wichtig, ob das Kind besser versteht, was Du meinst. Ob Ihr damit klar kommt. Ich würde jetzt weniger an Gebärden denken als vielmehr: auf Augenhöhe sprechen, das Kind berühren beim Sprechen, langsam sprechen, deutlich sprechen, wenige, einfache Worte verwenden, den Tagesablauf sehr stark strukturieren, immer die selben Freunde zum Spielen und so weiter. Den Kontakt zu der Riege ehrgeiziger "mein Kind ist aber toller als Deins"-Mütter beschränken bis aussparen. Die Regelmäßigkeit ist aber vor allem wichtig, weil es auch diesen Kindern ermöglicht, am Alltag teil zu nehmen und nicht das Gefühl zu haben, sie kommen nicht mit.
Wir haben mit Aggressivität vergleichsweise wenig Probleme, allerdings haben wir sehr viel Therapien am Laufen gehabt und das Kind immer sehr ernst genommen. Es ist leicht für diese Kinder, in einer Ecke als Schläger, Versager und Idioten zu landen. Wenn man das weiß, kann man gegensteuern. Ich sage nicht, dass es leicht ist. Es ist sogar sehr schwer. Aber es kann gehen, wenn man sich kümmert und einsetzt.
Verfasst am: 28.06.2006, 21:57 Titel: erkenne mich auch in deinem posting..
Hallo,
ich gehöre auch zu den Müttern, die sehr viel Wert auf Vorlesen, Singen und korrekte Aussprache legen. Komme aus Frankfurt und das Hessisch ist hier ja fast schon Amtssprache. Etienne, mein erster Sohn, ist sehr fit in der Sprache und auch sehr interessiert daran. Yves zeigt überhaupt keine Agressivität, leider denke ich jedoch daß er allzuoft rekapituliert, oft sucht er nichtmal Blickkontakt wenn er etwas von mir möchte. Bei der Logopädin wollte er unbedingt ein Telefon von einem Regal haben, er hat nur darauf gezeigt und einen Laut aus dem Kehlkopf heraus gegeben. Er hat weder mich noch die Logopädin angeschaut, und das war ihr ganz stark aufgefallen. Habe Angst, daß er irgendwann einfach aufgibt und das Interesse an der Sprache verliert, wobei ich nicht mal weiss, ob er dieses Interesse hat, da ja leider kein Wort kommt.
Und das mit der Umwelt, ja, die meisten sagen: der ist doch so clever, der spricht schon noch. Ja, Yves ist ein sehr aktives Kind, motorisch völlig fit und zeigt ein gutes Sprachverständnis..daher nimmt mich ja kaum einer ernst. Wie ist denn Dein Mann damit umgegangen?
Ja, aber genau das ist ja das Beunruhigende, wenn ein sichtlich intelligentes Kind sprachlich keine Fortschritte macht. Käme er aus einer spracharmen Familie oder wäre er traumatisiert, wäre man weniger überrascht, wenn er sich nicht weiter entwickelt. Deshalb haben bei uns dann, als endlich feststand, dass das Kind mit drei Jahren um eineinhalb Jahre (!) in der Sprachentwicklung zurück ist, endlich die Alarmglocken bei allen geklingelt. In einem Akademikerhaushalt ist das nicht normal, und da hat uns die Uniklinik plötzlich von Pontius zu Pilatus geschickt: Psychologen, Neurologen, HNO, Pädaudiologie, Logopädie...
Vorher hat er alle täuschen können mit Überkompensieren, das macht er heute noch, das wird sich vielleicht nie geben. Die Kinder entwickeln fast schon gruselige kognitive Wahrnehmungsmöglichkeiten, sie sind anderen, so genannten "normalen" Menschen, weit überlegen. Alle hatten den Eindruck, dass er fließend spricht und Fortschritte macht. Alle HNO-Ärzte hatten den Eindruck, dass er hören kann. Dass er bloß plapperte, weil er ein kommunikatives kleines Bürschchen ist, und dass er ansonsten Parfüms riechen, Luftzüge spüren und so weiter kann, auch Lippen lesen natürlich, - damit hat keiner gerechnet.
In der Pädaudiologie haben sie gesagt, wenn er dümmer wäre, hätten sie es schon viel früher gemerkt. Na, vielen Dank auch!!!
Die ersten Arbeitshypothesen waren Innenohrschwerhörigkeit, das konnte aber bald ausgeschlossen werden. Dann hieß es geistige Behinderung, also Sprachverarbeitungsstörung und/oder Sprachbehinderung. Das fand ich sehr hart, damit konnte ich mich nicht abfinden, denn das Kind sprach ja, aber in einer Sprache, die wir nicht verstanden. Irgendwann hatten sie dann die Mittelohrschädigung gefunden, ab da ging es aufwärts.
Die Blicke nach unten kenne ich auch, das ist oft eine Vermeidungsstrategie bei schwerhörigen Kindern, wenn sie davon ausgehen, dass sie nicht verstanden werden. Das hat etwas mit Selbstbewusstsein zu tun. Das bekommt Ihr wieder hin, wenn er merkt, dass er verstanden wird. Das bedeutet aber auch, dass sich bereits ein "Störungsbewusstsein" entwickelt hat, und dass der Junge anfängt, sich in sich selbst zurück zu ziehen. Das ist nicht gut, damit wird er im Kindergarten Probleme bekommen, und zwar richtige Probleme, weil er nicht begreifen wird, was man von ihm will. Unser Junge wurde im ersten Kindergarten geschlagen: "Wer nicht hören will, muss fühlen."
Mein Mann liebt unser Kind über alles, der hat immer gesagt: "Der schafft das!" Auch andere in der Familie schätzen Jonathan so ein, und das ist auch korrekt. Er ist ein kleiner Strahlemann, sehr charmant, immer gut drauf, total offen für alles, ein Stehaufmännchen, der demjenigen, der sich aufgrund seiner Sprache über ihn lustig macht, am nächsten Tag ein kleines Geschenk macht und sagt: "Ich mag dich trotzdem." Ich hätte das nicht so gut verpackt wie er, mein Mann auch nicht, wir haben viel weniger Stärke als der Junge. Wir haben alle Glück gehabt, dass es ihn getroffen hat und nicht ein weniger selbstbewusstes, glückliches Kind. Wir haben viele Probleme gehabt, ohne Frage, haben sie auch noch zum Teil, aber heute im Kindergarten zum Beispiel hat er fließend mit seiner neuen Flamme über Hornissen diskutiert, und er ist so aufgeblüht, seit er aus dem zweiten Kindergarten rausgeflogen ist. Jetzt ist er endlich da, wo er hingehört, und da ist er glücklich.
Mein Mann hat sich an den ganzen Dingen, die drumherum liefen (Kindergärten, ärztliche Versorgung) nicht wirklich beteiligt. Das ist kein Desinteresse sondern wirklich berufliche Belastung. Er kennt alle Therapeuten, geht mit, wann auch immer er kann, aber letztlich ist es mein Job, mich um Jonathan zu kümmern, wir machen da Arbeitsteilung. Dass es so hart würde, dass ich nach eineinhalb Jahren Dauerkampf reif bin für eine Kur, hätte ich nicht erwartet. Was mein Mann nie getan hat, war, Jonathans Probleme zu leugnen, das fand ich immer gut. Er ist positiv dem Kind gegenüber aber weiß um dessen Defizite.
In Frankfurt habe ich übrigens mal gearbeitet, und ich fand (als Hamburgerin) den Dialekt schon echt hart! Ich habe das nicht verstanden, wenn die Leute im Büro untereinander geredet haben.
Verfasst am: 29.06.2006, 12:41 Titel: Bekomme ein ungutes Gefühl...
Hallo Barbara und an alle Anderen,
habe eben ein echt ungutes Gefühl bekommen, weil mir beim Lesen Deiner letzten Antwort klar wurde, wie viel noch auf uns zukommen wird. Bisher war ich so naiv und glaubte daß die Ohren von Yves schon ok sind, weil er nie eine MOE oder ähnliches hatte. Aber da kann noch was auf uns zukommen. Mein Mann ist jede Woche mindestens 2 Tage beruflich weg, und somit ist es natürlich hauptsächlich mein Job mich damit zu befassen. Ich glaube es fällt meinem Mann schwer zu akzeptieren daß bei Yves etwas definitv nicht in Ordnung ist, vor allem weil er ja so clever ist und noch dazu ein absolutes Papa-Kind. Ich hoffe daß wir an einen guten Pädaudiologen geraten sind. Eine Frage habe ich zur Untersuchung: ich weiss nicht genau die Bezeichnung der Untersuchung, nur daß er mit Elektroden und einem Kopfhörer ausgestattet wird und möglichst ruhig liegen soll (er wird dann eher ein Zäpfchen zur Beruhigung bekommen). Ist dies der Test der auch die Wahrnehmung testet..weisst Du das?
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